Strom: Nächster Aufschlag

Energiewende treibt Netzkosten für private Verbraucher weiter nach oben
  • Der Ausbau des Höchstspannungsnetzes im Zuge der Energiewende ist zwingend. Im Bild Wartungsarbeiten bei Karlsruhe. Foto: epd
Die Energiewende lässt die Kosten weiter steigen: Nach der Ökostrom-Umlage treiben der Ausbau von Stromnetzen und die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung die Netzgebühren weiter nach oben.Neue Stromleitungen, teure Anschlüsse von Hochsee-Windparks und immer mehr Entschädigungen für Eingriffe in den Netzbetrieb - die Energiewende treibt bundesweit die Netzgebühren in die Höhe. Im nächsten Jahr rechnet das Verbraucherportal Verivox mit einem Anstieg um durchschnittlich knapp 4 Prozent. Beim Netzbetreiber Amprion (Dortmund), der Deutschlands längstes Hochspannungsnetz führt, steigen die Netzentgelte im Durchschnitt sogar um 8,3 Prozent.

Auch ein Sprecher der Bundesnetzagentur bestätigt bundesweit steigende Zahlen für 2016, ohne Details zu nennen. Nach Angaben des Verbraucherportals Toptarif ist allein bei der Umlage zur Modernisierung und zum Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung mit einem Aufschlag von 0,191 Cent je Kilowattstunde (kWh) zu rechnen.

Zahlen müssen das am Ende die Verbraucher: Die Netzkosten machen aktuell rund 23 Prozent des Strompreises aus. Allein die prognostizierte Durchschnittserhöhung kostet den Verbraucher im Durchschnittshaushalt mit eine Jahresverbrauch von 4000 kWh unterm Strich 10 EUR pro Jahr plus Mehrwertsteuer.

Vor allem im Norden, wo viele Windkraftwerke stehen, und im Süden, wo neue Leitungen gebaut werden müssen, wird es teurer. Insgesamt rund 18 Mrd. EUR fallen nach Schätzungen aus Branchenkreisen pro Jahr für die Netzentgelte an.

Die größte Erhöhung registriert Verivox in Baden-Württemberg mit einem Plus von 7,7 Prozent (20 EUR im Jahr für den Durchschnittshaushalt). Die Hamburger müssen mit 6,7 Prozent Steigerung rechnen (16 Euro). In Schleswig-Holstein sind es 6,3 Prozent im Jahr.

Schon im vergangenen Jahr waren die Netzkosten um knapp 2 Prozent gestiegen - eine Folge der Energiewende. Wenn immer mehr Verbraucher auch selbst Strom erzeugen und ins Netz einspeisen wollen, sind wesentlich mehr Leitungen erforderlich. Außerdem muss Windstrom aus dem Norden - oft aus Offshore-Anlage, die weit auf hoher See liegen - in den Süden gebracht werden, wo die Atomkraftwerke vom Netz gehen.Zugleich müssen die Netzmanager immer häufiger in den Stromfluss eingreifen, weil Wind- und Sonnenkraftwerke mit ihrer stark schwankenden Produktion die Netze belasten. Wenn ganze Kraftwerke zum Ausgleich dann kurzfristig hoch- oder heruntergeregelt werden, müssen die Netzbetreiber den Kraftwerken Millionen-Entschädigungen zahlen.

2015 sind diese sogenannten Redispatch-Kosten enorm nach oben geschossen, heißt es aus informierten Branchenkreisen. Genaue Zahlen dazu gibt es noch nicht, aber der Anstieg ist in einigen Netzgebieten offensichtlich eklatant.

Fachleute sehen darin auch eine Folge des nur schleppend verlaufenden Netzausbaus. Solange die großen Strom-Autobahnen in Nord-Süd-Richtung fehlen, gerät das System immer wieder bedenklich ins Schwanken. Zum Beispiel bei Sonnenschein und starkem Wind am Wochenende, wenn die Erneuerbaren gewaltige Strommengen produzieren, für die es dann kaum Abnehmer gibt.

Die privaten Stromkunden können sich angesichts der teureren Netze damit trösten, dass der Börsenstrompreis weiter fällt. Der Einkauf des Stroms wird damit preiswerter. Entspannung ist also möglich - wenn die Versorger diese Ersparnis an ihre Endkunden weitergeben.
© Südwest Presse 30.10.2015 07:45
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