Stundenlang in Schockstarre

Späte Entwarnung: Doch nicht noch mehr VW-Diesel betroffen
  • VW-Chef Matthias Müller: "Schonungslose Aufklärung." Foto: dpa
Der Verdacht hatte es in sich: Bei VW könnten noch mehr Diesel als bisher bekannt eine verbotene Software haben, hieß es zunächst. Der Konzern prüfte stundenlang intern - dann kam die Entwarnung.Für seinen Befreiungsschlag brauchte der VW-Konzern fast acht Stunden. Der quälende Verdacht, dass noch mehr Dieselwagen in den Strudel des Abgas-Skandals geraten könnten, katapultierte den Autobauer gestern aufs Neue in die Negativschlagzeilen. Erst am späten Nachmittag kam dann die in Wolfsburg langersehnte Entwarnung: Die jüngeren Dieselmotoren mit dem VW-internen Namen EA 288 sind nicht von den Manipulationen betroffen.

Die Antriebe haben demnach nicht nur in der aktuellen EU-Abgasnorm Euro 6 keine verbotene Software eingebaut. Dasselbe gilt auch für die anfänglich ab 2012 hergestellten EA-288-Varianten in Euro 5.

"Nach gründlicher Prüfung herrscht nun Klarheit", teilte das Unternehmen mit. Die VW-internen Untersuchungen hätten ergeben, dass in beiden EA-288-Varianten - also der mit Euro 6 und eben auch jener zunächst fraglichen mit Euro 5 - "keine Software verbaut ist, die eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne der Gesetzgebung darstellt".

Die stundenlange Ungewissheit hatte es zunächst offen gelassen, ob sich das Debakel ausweitet und weitere Autofahrer verunsichert. Das Einräumen zusätzlicher Wagen mit Betrugssoftware hätte Europas größtem Autobauer wohl auch den Vorwurf der Salamitaktik eingebrockt.

Der Druck in Wolfsburg war daher enorm. Schon der bisher bekannte Rückruf von 8,5 Mio. Diesel mit dem älteren Motor EA 189 zieht einen ganzen Rattenschwanz an Problemen mit sich: Rückrufe, Vertrauensverlust, Anzeigen, Klagen, Schadenersatz oder zurückverlange Subventionen. Es geht um mögliche Milliardenkosten.

Bei der Affäre geht es rein technisch darum, dass eine VW-Software erkennt, dass das Auto auf Abgas-Prüfständen getestet wird. Die Einstellungen werden dann so geändert, dass die Richtwerte erreicht werden. Auf der Straße im Alltag sind die Werte dann höher, und die Angaben aus der Laborsituation werden deutlich überschritten.

Mit der Klärung ist Volkswagen nun bei der Aufarbeitung des Diesel-Debakels einen entscheidenden Schritt weiter. Die anfängliche Unsicherheit bei dieser Frage demonstriert aber auch, wie schwierig es für den Weltkonzern mit 600 000 Mitarbeitern ist, mehr Licht in die Affäre zu bringen.

Seit gut einem Monat ist der Skandal bekannt. Der neue VW-Konzernchef Matthias Müller hatte Ende September zu seinem Antritt "schonungslose Aufklärung und maximale Transparenz" versprochen. Müller will mehr Querdenkertum, flachere Hierarchien, mehr Mut zur eigenen Meinung, mehr Entscheidungsfreude, dezentrale Verantwortung und bloß kein Klima der Angst. Er fordert Aufbruchsstimmung - doch mitunter herrscht angesichts offener Fragen auch Schockstarre.

Zu allem Überfluss berichtete das "Manager Magazin", dass führende VW-Manager schon vor rund anderthalb Jahren von Abgas-Problemen gewussten hätten. Dies hat VW aber dementiert.
© Südwest Presse 23.10.2015 07:45
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