Vorsprung im Wettlauf um Teheran

Baden-Württemberg und seine Unternehmer wollen an alte Kontakte mit dem Iran anknüpfen
  • Eine Einkaufsmeile in der iranischen Hauptstadt Teheran: Wenn das Embargo wegfällt, hoffen auch Unternehmen aus dem Südwesten darauf, mehr Produkte und Dienstleistungen in dem Land anbieten zu können. Foto: Polaris/laif
Baden-Württemberg eröffnet das innerdeutsche Rennen um die besten Startplätze für den erwarteten Boom im Iran: Eine Wirtschaftsdelegation reist heute nach Teheran - mit einigen Hoffnungen im Gepäck.Die Bayern haben, zunächst zumindest, das Nachsehen. Die erste Wirtschaftsdelegation eines Bundeslandes, die nach dem internationalen Durchbruch bei den Atomgesprächen im Juli in den Iran reist, bilden Unternehmer aus Baden-Württemberg. Angeführt von Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) fliegen heute über 40 Vertreter von Unternehmen wie Liebherr, Voith oder ZF Friedrichshafen und von Wirtschaftsverbänden nach Teheran. Kurz darauf folgt eine politische Delegation aus Österreich; im Oktober der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier - und im November eine Wirtschaftsdelegation aus Bayern.

Deutschland war lange Irans engster Handelspartner - und das exportstarke Baden-Württemberg vorne dabei. "Mir war es wichtig, dass wir nach der Einigung über die Nuklearanlagen rasch wieder an die guten Wirtschaftsbeziehungen aus der Zeit vor den Sanktionen anknüpfen", sagt Schmid im Gespräch mit dieser Zeitung. "Der Iran ist für unseren Mittelstand ein interessanter Markt mit knapp 80 Millionen Konsumenten und einem großen Erneuerungsbedarf. Qualität made in Baden-Württemberg war dort in der Vergangenheit sehr gefragt - und wird es auch in Zukunft wieder sein." Schmid prognostiziert daher eine "Verdopplung des Warenaustausches zwischen Baden-Württemberg und dem Iran binnen zwei Jahren", mittelfristig sei das Potenzial noch "deutlich höher".

2004 hatte Baden-Württemberg Waren im Wert von 474 Mio. EUR nach Iran ausgeführt, 2014 beliefen sich die Exporte auf 223 Mio. EUR - binnen zehn Jahren ein Einbruch um satte 53 Prozent. Dazu kommt, dass die seit Ende 2006 wirksamen und 2010 verschärften Sanktionen die Firmen im Südwesten offenbar stärker getroffen haben als Mitbewerber: Der Anteil Baden-Württembergs an den deutschen Exporten in den Iran machte 2004 noch 13,3 Prozent aus - 2014 lag der Wert bei 9 Prozent.

Unternehmen wie die Liebherr-Gruppe, die vor den Sanktionen Baumaschinen oder Seekräne geliefert hat, streben nun zurück auf den iranischen Markt. Andere, wie das Heidenheimer Familienunternehmen Voith oder die ZF Friedrichshafen AG, waren nie ganz weg.

Liebherr sieht unter den veränderten Bedingungen für viele Bereiche - von seiner Baumaschinensparte bis hin zu seinen Kühl- und Gefriergeräten - "konkrete Chancen". Ein Voith-Sprecher sagt, aufgrund der Sanktionen sei das Geschäft immer weiter zurückgegangen und "schließlich weitgehend zum Erliegen gekommen". Die Kontakte habe man mit Blick auf eine mögliche politische Lösung indes nie völlig abreißen lassen. Nun sieht Voith "großes Potenzial" für Lieferungen von Komponenten, etwa für Wasserkraftanlagen. ZF wiederum ist seit 1987 mit 16,7 Prozent an einem Joint Venture im Nordiran beteiligt, produziert werden Getriebe, etwa für Stadtbusse. "Bei einer Lockerung des Embargos gehen wir davon aus, dass sich die Nachfrage nach Produkten aus dem Automobilsektor erhöhen wird", sagt ein Sprecher. Eine Prognose der Geschäftsentwicklung sei derzeit aber "nicht seriös möglich".

Der Bundesverband der Industrie (BDI) geht mittelfristig von einer Vervierfachung der deutschen Exporte in den Iran von 2,3 Mrd. EUR auf 10 Mrd. EUR aus; der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet mit einem Anstieg auf 5 Mrd. EUR binnen zwei Jahren.

In diesem Rahmen bewegen sich auch die Erwartungen des Maschinenbaus, dem mit Abstand wichtigsten Sektor in den Handelsbeziehungen zum Iran. Dietrich Birk, Landesgeschäftsführer des Maschinenbau-Verbands VDMA, hält für die baden-württembergischen Branchen-Unternehmen ein Volumen von jährlich bis zu 400 Mio. EUR für möglich. Das wäre gegenüber den 93 Mio. EUR von 2014 eine Vervierfachung. Es sei aber "völlig offen", ob dieses Level "überhaupt erreicht" werde und wenn, ob in "in drei, fünf oder sieben Jahren". Die Konkurrenzlage, heißt es beim Verband, sei nicht mehr vergleichbar. China, das die Zeit der Sanktionen genutzt hat, werde sich nur teilweise zurückdrängen lassen. Zudem kehrten die USA als Wettbewerber zurück.

Chancen sehen, ohne Risiken zu verkennen: Das deckt sich mit der Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Durch den Investitionsstau im Iran böten sich "vielfältige Möglichkeiten", heißt es in einem Dossier der Bank, die Aktivitäten von Mittelständlern im Ausland flankiert: "Neben der Öl- und Gasindustrie, die für den Maschinen- und Anlagenbau von Interesse ist, sind auch der Automobilbau, die chemische Industrie oder Ausbau erneuerbarer Energien zu nennen." Allerdings, warnt das Dossier, "dürften Probleme im Finanzsystem, politische Instabilität, Inflation, eine ineffiziente öffentliche Verwaltung, eine unzureichende Infrastruktur sowie Korruption auch nach Ende der Sanktionen das Investitionsklima belasten."

Unternehmen wie Voith sehen jetzt "die Banken gefordert, schnell Konsequenzen aus der politischen Einigung zu ziehen". Deren "Zurückhaltung" bei der Finanzierung der Iran-Geschäfte sieht der VDMA neben den nach wie vor bestehenden Embargo-Vorschriften als "größtes Hindernis". Dringend benötige man "Erleichterungen im Zahlungsverkehr", sagt auch Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart. Der Vertreter des Handwerks betont zugleich die Chancen, etwa für hochwertige Inneneinrichtungen oder im Bereich erneuerbare Energien. Die Ingenieurkammer Baden-Württemberg hofft auf Nachfrage nach qualitativen Ingenieurleistungen. "Für uns ist das Ziel der Reise, herauszufinden, wie der Bedarf dort konkret aussieht", sagt Hauptgeschäftsführer Daniel Sander. Er will zudem prüfen, "ob eine Anwerbung von Ingenieuren" angesichts des steigenden Facharbeitermangels "sinnvoll wäre. Der Iran hat eine sehr junge Bevölkerung."

Das Potenzial, etwa Schwankungen im Geschäft mit China auszugleichen, hat das Land aber nicht. "Unsere Firmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie insgesamt exportstark sind und nicht von einem Absatzmarkt allein abhängen", sagt Schmid. "Der Iran kann bei der notwendigen Diversifizierung ein wichtiger Stützpfeiler sein."
© Südwest Presse 04.09.2015 07:45
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