Zwischen Acht-Stunden-Tag und E-Mail-Check

Vorstoß der Arbeitgeber für mehr Flexibilität hat vorerst keine Chancen
Weg mit dem Acht-Stunden-Tag, fordern die Arbeitgeber. Dafür wollen sie die Wochenarbeitszeit begrenzen. So schnell dürfte das nicht kommen."Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten", ist seit 1994 im Arbeitszeitgesetz festgeschrieben. Sie kann dann auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt acht Stunden nicht überschritten werden. Diese Regeln gelten auch für den Samstag.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer will das ändern: Er möchte den Acht-Stunden-Tag streichen und dafür eine wöchentliche Höchstarbeitzeit festlegen, "um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden". Dabei hat er die zunehmende Internationalisierung im Auge: Abstimmungen mit Partnern oder Niederlassungen in Asien am frühen Morgen müssten die gleichen Mitarbeiter in Deutschland vornehmen können, die abends mit Kunden in den USA verhandeln. Tarifvertragliche oder betriebliche Regelungen könnten zu "passgenauen Lösungen" führen, versuchten die Arbeitgeber in einem Positionspapier Vorwürfen vorzubeugen, sie wollten längere Arbeitszeiten durch die Hintertür.

Ein Hintergrund ihres Vorstoßes ist, dass immer mehr Arbeitnehmer zu Hause ihre geschäftlichen E-Mails checken und per Mobiltelefon erreichbar sind. Das müsste eigentlich der Arbeitszeit zugerechnet werden. Jeder vierte Arbeitnehmer muss oft nach Dienstschluss erreichbar sein, ergab eine Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Hinzu kommt, dass immer mehr zumindest zeitweise zu Hause arbeiten.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hatte durchaus Sympathien für Änderungen bekundet. Das deutsche Arbeitsrecht sei "ziemlich unflexibel", sagte sie vor drei Monaten auf einem Kongress zur Digitalisierung der Arbeitswelt und verwies auf spät abends beantwortete dienstliche E-Mails. Sie werde den "Dialog mit den Sozialpartnern über moderne Arbeitszeitgestaltung suchen".

Die Gewerkschaften wollen nicht mitspielen. IG-Metall-Vize Jörg Hofmann wies Kramers Vorstoß als "durchsichtigen Versuch" zurück, Schutzrechte der Beschäftigten abzubauen. Wo die IG Metall Regelungen zum mobilen Arbeiten vereinbart habe, "stand das Arbeitszeitgesetz nicht im Wege". Es gehe um die Erfassung beziehungsweise Nicht-Erfassung von Arbeitszeiten und deren Vergütung. Dafür seien neue Regeln nötig, auch in Tarifverträgen. Bei Daimler ergab gerade eine Befragung in der Verwaltung und in produktionsnahen Bereichen, dass 90 Prozent der Arbeitnehmer mobiles Arbeiten positiv bewerten.

Nahles will sich jetzt Zeit lassen: Erst Ende 2016 plant sie, ein "Weißbuch" zur Arbeitszeit vorzulegen, auf dessen Basis dann geprüft werden soll, ob und wo die gesetzlichen Regeln geändert werden. Vor der Bundestagswahl 2017 dürfte sich daher nichts tun.

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© Südwest Presse 25.07.2015 07:45
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