Schlecht geplant, viel Klein-Klein

Ulrich Altstetter von den Wieland-Werken: Was den Erfolg der Energiewende bisher verhindert
  • Ulrich Altstetter, Technik- und Produktionsvorstand der Wieland-Werke AG: "Wichtig wäre unter Einbindung aller Beteiligten bundesweit, am besten europaweit nach einer Lösung zu suchen." Foto: Lars Schwerdtfeger
Die Art, wie die Energiewende angegangen wurde, gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, mahnt Ulrich Altstetter, Technik-Vorstand der Wieland-Werke. Der Mängelreport eines Praktikers.Herr Altstetter, Sie nehmen als Referent am Strom-Gipfel Süd in einer Doppelrolle teil, als Vorstandsmitglied der Ulmer Wieland-Werke AG und als Mitglied des Vorstands des Ausschusses Energie- und Klimapolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Wie ist Ihre Haltung zur Energiewende?

ULRICH ALTSTETTER: Sie ist gesellschaftspolitischer Konsens. Der Energiebedarf auf der Welt wächst, die Ressourcen werden knapp. Daher muss man rechtzeitig gegensteuern. Dagegen kann sich niemand verschließen. Das einzige, was wir - und damit meine ich Wieland und den BDI - fordern, ist, dass man die Energiewende in Form eines Projektes gestaltet, das auch funktioniert.

Was vermissen Sie?

ALTSTETTER: Eine gute Projektplanung erfordert ein schlüssiges Konzept, eine verlässliche Kalkulation, eine realistische Zeitschiene und ein Risikomanagement. Bei der Energiewende kann man sich fragen, ob das alles unsere Generation bezahlen kann oder ob wir auch folgende Generationen, die von fast kostenfreier Energie profitieren werden, mit belasten. Zudem müsste man alle Bundesländer einbinden, um eine bundesweit einheitliche Lösung zu entwickeln. Diese Aspekte hat man bei der Energiewende an der einen oder anderen Stelle nicht ausreichend berücksichtigt.

Der Zick-Zack-Kurs der bayerischen Staatsregierung dient nicht dazu, die Energiewende zu beschleunigen. Wie bewerten Sie das Taktieren des Freistaates, beispielsweise beim Trassenbau?

ALTSTETTER: Wir begrüßen es, dass endlich eine Einigung erzielt wurde. Denn die Verbindung von Nord nach Süd wird dringend benötigt, wir haben schon genug Zeit verloren. Da die Erdverkabelung um ein Vielfaches teurer ist als die Überlandleitung, sollte sie nur dort eingesetzt werden, wo es sinnvoll ist.

Womit kämpfen Sie bei Wieland am meisten?

ALTSTETTER: Nehmen wir die Umlage aus dem EEG 2014, also dem Erneuerbaren Energien Gesetz. Die Belastung, die für uns daraus entsteht, macht etwa ein Viertel unseres Jahresergebnisses aus. Zudem sind die Netzkosten um 20 Prozent gestiegen. Durch die EEG-Umlage verringert sich unser Spielraum für Investitionen, beispielsweise in moderne Anlagen, mit denen wir unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Arbeitsplätze in Deutschland sichern.

Die Wieland-Werke als Spezialist für Kupfer und Kupferlegierungen wird aber doch als energieintensives Unternehmen zum Teil entlastet?

ALTSTETTER: Die Wieland-Werke AG betreibt in Deutschland vier Werke. Wir sind am Standort im bayerischen Vöhringen, wo wir eine Gießerei haben, von der Umlage zum Teil entlastet, aber wir zahlen an den anderen deutschen Standorten die volle EEG-Umlage.

Sie bemühen sich doch sicher, Energie einzusparen. Was tun Sie?

ALTSTETTER: Wir haben in Vöhringen zwischen 2008 bis 2011 mehr als 200 Mio. EUR in moderne Technik und Energieeffizienzmaßnahmen investiert. Unter anderem wurden drei alte Pressen durch eine neue leistungsfähige Presse ersetzt und zwei alte Gießereianlagen durch eine neue. Das senkte den Energieverbrauch um mehr als 20 Gigawattstunden. Das ist in etwa der Jahresverbrauch der Stadt Vöhringen mit ihren 20 000 Einwohnern.

Dann läuft es doch zumindest in Vöhringen gut für Sie?

ALTSTETTER: Nein, wir müssen an dem Standort bis 2018 mit der zehnfachen EEG-Belastung rechnen und uns droht die volle EEG-Umlage, wenn wir dort noch weiter Energie sparen.

Wo lauert die Kostenfalle?

ALTSTETTER: Sie liegt im System des EEG selbst: Die Entlastung von der EEG-Umlage orientiert sich an der Stromintensität. Diese errechnet sich aus den Stromkosten, geteilt durch die Bruttowertschöpfung. Wenn Sie also einerseits die Wertschöpfung steigern oder den Stromverbrauch senken, dann sinkt die Stromintensität - infolgedessen wird die EEG-Entlastung geringer oder entfällt sogar komplett.

Was bedeutet das für Wieland?

ALTSTETTER: Der Grenzwert für die Stromintensität für die EEG-Entlastung wurde von 14 auf 17 Prozent angehoben. Da wir aber durch Effizienzsteigerungen bereits heute nahe an diesen Wert kommen, würde das für uns einen Wegfall der Entlastung bedeuten. Dann sind wir hier nicht mehr international wettbewerbsfähig.

Was wollen Sie dagegen tun?

ALTSTETTER: Wir werden selbstverständlich unsere Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz konsequent fortführen, das ist allein aus Kostengründen für uns unabdingbar. Das ändert jedoch nichts daran, dass die EEG-Systematik zur Bestimmung der Entlastung volkswirtschaftlich unsinnig und weder im Sinne der Energiewende noch in unserem ist.

Einige Industrieunternehmen reagieren auf solche Belastungen, in dem sie nicht mehr in Deutschland investieren. Wie ist das bei Ihnen?

ALTSTETTER: Unsere Kunden in der Elektro- und Automobilindustrie investieren bereits verstärkt im Ausland. Erwarten diese kurze Lieferzeiten und vor allem auch niedrige Preise, dann können wir das nicht aus Deutschland heraus erfüllen. Wollen wir mit unseren ausländischen Wettbewerbern mithalten, fallen Arbeitsplätze in Deutschland weg. Auch wenn zurzeit die höhere Produktivität noch für den Standort Deutschland spricht. Aber die anderen Länder sind uns auf den Fersen. Die deutsche Industrie braucht wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.

Sie treffen immer wieder Politiker, finden Sie mit Ihren Sorgen Gehör?

ALTSTETTER: Nur zum Teil. Es gibt viele Politiker, die sich die Zeit nehmen und sich mit unserem Anliegen auseinander setzen, etwa der baden-württembergische Umweltminister. Bei anderen stoßen wir dagegen auf geringes Interesse. Trotzdem sind wir bemüht, den Volksvertretern die besondere Situation der Industrie in einer sachlichen Diskussion zu vermitteln. Es muss klar sein, dass wir die steigenden EEG- und Netzkosten nicht an unsere Kunden weitergeben können. Wenn Arbeitsplätze in der Industrie wegfallen, ist im Übrigen die gesamte Wertschöpfungskette betroffen, also auch Lieferanten wie regionale Handwerker und Dienstleister.

Im Vorfeld des Strom-Gipfels Süd formulierten Industrie- und Handelskammern aus vier Regionen, dass sie von 2017 an eine Versorgungslücke befürchten. Unterm Strich reicht aber doch aus, was die Erneuerbaren Energien bereits bundesweit liefern, um das Abschalten der Kernkraftwerke zu kompensieren.

ALTSTETTER: Wir erzeugen regional und zeitlich nicht mehr bedarfsnah Strom, sondern wo und wann es möglich ist. Also wenn im Norden der Wind weht und im Süden die Sonne scheint. Das müssen wir ausgleichen. Zudem haben wir Stromeinspeisung auf verschiedenen Spannungsebenen. Auch das muss verkraftet werden. Stellen Sie sich das mit dem Stromnetz vor wie eine Autobahn. Wenn beim Rückreiseverkehr plötzlich alle in eine Richtung fahren, gibt es Stau. So ist das auch beim Stromnetz. Wir brauchen eine sichere Versorgung.

Wofür plädieren Sie?

ALTSTETTER: Der BDI und Wieland unterstützen im Wesentlichen die Positionen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie: Der Strommarkt soll weiterentwickelt werden zu einem liberalisierten, europäischen Strommarkt. Das bedeutet, dass sich die Strompreise weiterhin frei am Markt bilden sollen. Zur Sicherung der Versorgung soll es eine Kapazitätsreserve geben, die nur Kraftwerke umfasst, die nicht am Strommarkt teilnehmen und damit keinen Einfluss auf die Preisbildung haben.

Was schreiben Sie den Politikern ins Stammbuch?

ALTSTETTER: Wir brauchen vor allem Planungs- und Versorgungssicherheit. Das gilt nicht nur für die Industrie. In Deutschland funktioniert nichts mehr, wenn das Stromnetz zusammenbricht. Unsere Arbeitsplätze, unser Wohlstand, unser ganzer Lebensstil hängt eng mit einer sicheren Versorgung zusammen. Umso wichtiger ist es, unter Einbindung aller Beteiligten bundesweit, am besten europaweit nach einer Lösung zu suchen. Am Netzausbau und dem Ziel, die Erneuerbaren Energien marktfähig zu machen, führt kein Weg vorbei.
© Südwest Presse 25.07.2015 07:45
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