Rasseln, greifen, schmusen

Spielzeug gibt es in vielen Varianten - Doch Kinder brauchen wenig
  • Eltern sollten Spielsachen auch danach aussuchen, ob sie selbst Material und Farben als angenehm empfinden. Foto: Fotolia
Weniger ist manchmal mehr. Das gilt laut Experten auch für Babyspielzeug. Denn gerade die Kleinen sind schnell überfordert. Fördern dagegen ist angebracht - aber das sollte eben Schritt für Schritt erfolgen.Mit großen Augen schaut das Baby in die Welt. Es liegt auf seiner Krabbeldecke auf dem Rücken, um seinen Kopf herum baumeln Holzfiguren an einem Spielebogen, neben ihm liegen zahlreiche Rasseln und Schmusetücher. Zwei, drei Kuscheltiere sind zusätzlich neben seinem Bauch drapiert, neben den Füßen wartet ein Kinderbuch aus weichem Stoff auf den Vorleser. Eine typische Szene aus einem europäischen Kinderzimmer. Doch welche Art von Spielzeug braucht ein Kind wirklich? Und was ist nicht sinnvoll?

"Das erste, was Babys wahrnehmen, sind Formen und verschiedene Materialien", sagt Renate Wildenhain, Pressesprecherin von Spielzeughersteller Käthe Kruse (Donauwörth). "Es fühlt." Diese Erkenntnis fließe in das Schmusetuch mit ein, das es bei der bayerischen Firma in fünf verschiedenen weichen Materialien gebe. Erfunden hat das Schmusetuch laut Wildenhain übrigens Käthe Kruse um 1905. Weil die gängigen Puppen alle kalt und hart waren, wickelte sie ein Tuch um eine Kartoffel, die als Kopf diente. Und ihr Kind Maria, Mimerle genannt, war glücklich.

Ein paar Wochen nach der Geburt, erklärt Wildenhain, fangen Kinder an, Farben zu erkennen. Rot steht dabei ganz am Anfang. "Sie sehen ein rotes Schmusetuch oder die Lippen, wenn die Mama einen roten Lippenstift trägt." Dann erst kommen die Fähigkeiten Fühlen, Anfassen, Greifen hinzu - "und damit auch die Möglichkeit, etwas erleben können". Geräusche spielen eine größere Rolle, "da klingelt dann etwas, es rasselt oder knistert." So folgen auf das Schmusetuch bald Greiflinge und Quietschies. Anschließend werden kleine weiche Bücher angeboten, die Kinder anfassen und aus denen die Eltern Geschichten vorlesen können.

Eltern empfiehlt sie, die Spielsachen vorher anzufassen und zu erfühlen. "Man muss die Sachen als Eltern zuerst einmal selbst gut finden und die Farben angenehm", sagt Wildenhain. Wichtig seien auch nachhaltige und ökologische Stoffe, die teilweise durch Siegel wie Ökotex gekennzeichnet sind. Wildenhain empfiehlt grundsätzlich deutsche oder zumindest europäische Marken, weil die Hersteller gewisse Standards einhalten müssen. "Man sollte Spielsachen nicht einfach irgendwo bei irgendjemanden kaufen."Wichtig sei, fasst sie zusammen, verschiedene Materialien und Farben einzusetzen, weil das die Sinne des Kindes fördere.

Silvia Albrecht, Baby-Pädagogin mit einer Praxis in Maulbronn, ist da anderer Ansicht. "Eigentlich brauchen Babys erstmal so gut wie gar nichts", sagt sie. Ein Seidentuch reiche am Anfang völlig aus. "Das Kind muss sich dann erst langsam erarbeiten, was das ist."

Sie empfiehlt, Babys immer nur einen neuen Gegenstand zu geben. Erst wenn das Kind gelangweilt wirkt - und das geschehe normalerweise nicht innerhalb eines Tages - solle man mit einem neuen Spielzeug Interesse wecken. Es sei wichtig, Babys nicht zu überladen, "sonst flitzt alles nur noch an denen vorbei und wird zur Unterhaltung, aus der sie nichts ziehen und womit sie keine Lernerfahrung machen können." In die Kategorie der sinnfreien Unterhaltung und Überfrachtung zählt sie die beliebten Spielebögen über der Krabbeldecke.

Es sei viel wichtiger, dass das Kind lerne, dass es etwas bewirken könne - zum Beispiel das Seidentuch bewegen. Erst ab einem durchschnittlichen Alter von drei Monaten ist es in der Lage, einen Gegenstand zu fixieren und anzuvisieren, die Voraussetzung für das spätere Greifen. "Erst bleibt das Baby ganz bei sich, erfährt den eigenen Körper. Später geht es nach außen mit der Wahrnehmung."

Sie warnt: "Viele Eltern erkennen die Grenze zwischen Fördern und Überfordern nicht und glauben der Industrie, die vor allem viel verkaufen will." Deshalb sei es wichtig, das Kind genau zu beobachten. Geht diese Interaktion schief, kommen überforderte Eltern in ihre Praxis. Da vertritt sie lieber die Meinung, dass weniger oft auch mehr ist.
© Südwest Presse 15.06.2015 07:45
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