Das Hohelied der Sozialpartnerschaft

Bundespräsident Joachim Gauck feiert Gesamtmetall und mahnt zu mehr Weiterbildung
  • Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger (links) und Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hörten sanft-mahnende Worte von Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: dpa
Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf prägt heute das Verhältnis des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall zur Industriegewerkschaft Metall - ein hohes Gut, das sie auch künftig pflegen müssen.Was hätte wohl Bertolt Brecht davon gehalten, dass der Arbeitgeberverband Gesamtmetall seinen 125. Geburtstag im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin feierte - "seinem" Theater, in das der Dramatiker 1954 mit seinem Berliner Ensemble einzog? Nicht nur Bundespräsident Joachim Gauck musste da unwillkürlich an Klassenkampf denken. Dabei ist der schon lange nicht mehr angesagt. IG-Metall-Chef Detlef Wetzel, Vertreter der Arbeitnehmer, saß als Beweis in der ersten Reihe. Selbst der derzeitige Theater-Hausherr Claus Peymann, sonst mehr ein Kapitalistenschreck, begrüßte artig die Gäste.

Auch Gauck fand in seiner Festrede eher sanft-mahnende Worte. Etwa, dass die Sozialpartner ihre Beziehung pflegen müssten, um den raschen Wandel der Arbeitswelt gemeinsam zu bewältigen. "Nur wenn wir deutlich Ja sagen zu Innovationen, zu bedeutenden Investitionen in Forschung und Neuentwicklung, und wenn uns nicht die Furcht vor Neuinvestitionen lähmt, wird die Erfolgsgeschichte der deutschen Unternehmen und Ihres Verbandes fortgeschrieben", ging sein Ball an die Adresse der Arbeitgeber.

Die dürften dafür gerne gehört haben, dass der Präsident mit seinen 75 Jahren wenig von der Rente mit 63 hält. Er sieht das beginnende digitale Zeitalter auch als Gelegenheit, die Wirtschaft stärker auf die länger lebende Gesellschaft auszurichten. Viele Ältere wollten noch arbeiten, aber nicht mehr in Vollzeit. Da lag die Mahnung nahe, mehr betrieblicher Weiterbildung gerade für Ältere zu bieten, aber auch für Geringqualifizierte - "eine Aufgabe, für die ich mir noch mehr Tatkraft und Entschlossenheit aller Beteiligten wünsche". Hinzu komme die Herausforderung der Integration ausländischer Mitarbeiter.

Für Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger waren das "Worte der Ermutigung und der Nachdenklichkeit". Die Unternehmen stellten sich den Herausforderungen bereits jeden Tag gemeinsam mit den Arbeitnehmern. Seine Formel für die Sozialpartnerschaft: "Man muss sich nicht über alles einig sein, man muss sich aber über alles verständigen können." Der Ausgleich mit der IG Metall funktioniere.

Unverzichtbar zur Sozialpartnerschaft gehört die Tarifautonomie, also das Prinzip, dass sich der Staat nicht in Tarifverhandlungen einmischt, ein "wertvolles, aber auch zerbrechliches Gut", so Dulger: "Jeder Eingriff führt dazu, dass sie Stück für Stück zerbröselt." Was er da im Hinterkopf hat, machte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer deutlich: den Mindestlohn, mit dem er immer noch nicht seinen Frieden gemacht hat. Arbeitgeber und Gewerkschaften konnten das Problem von Hungerlöhnen nicht lösen, also habe die Politik dieses Vakuum gefüllt - "praxis- und realitätsferner, als wir es könnten". Da ist IG-Metall-Chef Wetzel ganz seiner Meinung. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) habe "richtigerweise etwas getan, was wir beide nicht geschafft haben". Arbeitgeber wie Gewerkschaften wollen vermeiden, dass sich das wiederholt.
© Südwest Presse 13.06.2015 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?