Kassen schon wieder leer

In der gesetzlichen Krankenversicherung drohen 2016 Beitragserhöhungen
  • Die gesetzlichen Krankenkassen gehen noch nicht am Stock. Aber weil die Reformen im Gesundheitswesen, vor allem bei den Krankenhäusern, viel Geld kosten, werden im kommenden Jahr vermutlich die Beiträge der Versicherten steigen. Foto: epd
Vielen Mitgliedern gesetzlicher Krankenkassen drohen schon Anfang 2016 steigende Beiträge. Hauptgrund sind teuere Reformen, etwa bei den Krankenhäusern. Die Arbeitgeber müssen sich nicht beteiligen.Auf 15,6 bis 15,7 Prozent dürfte der Beitragssatz der gesetzlichen Krankenkassen im nächsten Jahr im Schnitt steigen. Derzeit liegt er bei 15,4 Prozent des Bruttogehalts. 2019 könnte er 16,0 bis 16,4 Prozent erreichen, erwartet die Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Doris Pfeiffer. Das könnte Kassenmitglieder mit bis zu 445 EUR im Jahr zusätzlich belasten.

"Wir brauchen Reformen, die nicht nur mehr Geld kosten, sondern die Versorgung verbessern", forderte Pfeiffer in Kremmen bei Berlin. Denn Hauptgrund der negativen Entwicklung sind kostenträchtige Reformpläne der großen Koalition. An erster Stelle steht die Krankenhausreform, daneben Gesetze zum Umbau der ambulanten Versorgung, zur Stärkung der Prävention, zum Ausbau von Hospiz- und Palliativversorgung sowie zur elektronischen Gesundheitskarte. Hinzu kommt ein strukturelles Defizit: Seit Jahren steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung im Schnitt um 0,5 bis 1 Prozent pro Jahr stärker als die Einnahmen, auch wenn dies in einzelnen Jahren besser aussieht.

Besonders unerfreulich ist für Arbeitnehmer, dass sie die Beitragserhöhung alleine tragen müssen. Denn der Arbeitgeberanteil ist seit 2011 bei 7,3 Prozent eingefroren. Allerdings können sie jederzeit zu einer Kasse mit niedrigerem Beitragssatz wechseln. Seit Anfang dieses Jahres dürfen die Versicherer diesen wieder selbst festlegen.

Bis Ende 2014 war gesetzlich ein Einheitssatz von 15,5 Prozent vorgeschrieben. Jetzt ist nur der Mindestsatz von 14,6 Prozent fix. Da die meisten Kassen damit nicht auskommen, können sie einen Zusatzbeitrag erheben, der alleine zu Lasten der Versicherten geht. Nur zwei kleine Kassen verzichten derzeit ganz darauf, darunter die Metzinger Betriebskrankenkasse. Rund 61 Prozent der Kassenmitglieder haben momentan 0,9 Prozent Zusatzbeitrag, also insgesamt 15,5 Prozent. Darunter sind große Anbieter wie die AOK Baden-Württemberg und die Barmer GEK. 27 Prozent fahren etwas günstiger mit 0,8 Prozent Zuschlag und insgesamt 15,4 Prozent. Hierzu gehört der Marktführer, die Techniker Krankenkasse. Der durchschnittliche Beitrag liegt aktuell bei gut 15,4 Prozent.

Manche Kassen müssen ihre Beiträge voraussichtlich schneller und stärker erhöhen als andere. Denn die Finanzreserven sind sehr unterschiedlich verteilt: Bei gut einem Drittel der Kassen erreichten sie schon 2014 laut Pfeiffer den "kritischen Bereich", weil sie weniger als eine halbe Monatsreserve gebunkert hatten. Dagegen verfügten etwa ähnlich viele über mehr als eine ganze Monatsreserve, standen also deutlich besser da.

Schon derzeit ist es möglich, kurzfristig die Kasse zu wechseln und damit viel Geld zu sparen. Denn die Leistungen der Kassen sind weitgehend gleich; nur wer auf spezielle Punkte wie alternative Behandlungsformen oder Chroniker-Programme Wert legt, für den lohnt der genaue Vergleich. Tatsächlich wechselten aber bis zum 1. April nur etwa 100 000 zu einer anderen Versicherung. Da die Beiträge meist vom Arbeitgeber direkt vom Gehalt abgezogen werden, wird vielen gar nicht bewusst, wie viel sie sparen können, obwohl die Kassen ihre Mitglieder auf eine Internetseite hinweisen müssen, auf der alle Beiträge zu finden sind.

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums verwies nur allgemein auf die Reserven der Kassen in zweistelliger Milliardenhöhe. Zudem seien bei der Beitragsprognose die derzeit steigenden Einnahmen nicht berücksichtigt.
© Südwest Presse 05.06.2015 07:45
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