Mehr Komfort für Indien

Daimler will mit Qualität und Service den Busmarkt erobern
  • Auf den Straßen der indischen Stadt Chennai herrscht zu jeder Tageszeit reges Treiben. Die meisten Bewohner der Millionen-Metropole sind mit Bussen unterwegs. Ein Markt, den Daimler für sich gewinnen will. Foto: Julia Kling
Busse sind das am meisten genutzte Verkehrsmittel in Indien. Ein Grund für Daimler, dort vor Ort zu produzieren. Trotz guter Zusammenarbeit mit der Landesspitze sieht Daimler von Regierungsgeschäften ab.Stoßstange an Stoßstange schieben sich die Busse auf den Straßen in Richtung der Haltestellen. Dazwischen drängen sich Menschen, Motorräder und Tuktuks. Es ist fünf Uhr morgens an Indiens größtem Busbahnhof in Chennai. Es riecht nach Abgasen und Öl. Hupen tröten, Bremsen quietschen. Die Luft ist stickig und heiß. Auf den Steigen herrscht reges Treiben. Frauen in ihren bunten Saris, Männer und ganze Familien warten auf ihren Bus - das am meisten genutzte Verkehrsmittel in Indien. Allein in dieser sechs Millionen Einwohner zählenden Metropole sind geschätzt 10 000 Busse unterwegs.

"Der Bus ist das günstigste Verkehrsmittel in Indien", erklärt Shina Satyapal. Zudem sei man als Reisender flexibel. "In Zügen musst du dir einen Platz reservieren, weil sie immer überfüllt sind", sagt die 30-jährige Inderin. "In Bussen findet man dagegen immer einen Platz und du kannst spontan zur Haltestelle kommen." Komfort wird den Fahrgästen aber nicht geboten, weder im Stadtverkehr noch in den Überlandbussen. Eine Klimaanlage bei 40 Grad? Fehlanzeige.

Kein Zustand, wenn es nach den Vorstellungen des Automobilherstellers Daimler geht. Der Stuttgarter Konzern möchte mehr Sicherheit und Komfort in den indischen Busmarkt bringen, der bisher von den beiden einheimischen Herstellern Ashok Leyland und Tata dominiert wird. Sicherheit und Komfort seien künftig gefragt in dem Schwellenland, erklärt der Geschäftsführer von Daimler Buses Indien, Markus Villinger. Mit dem wachsenden Wohlstand steigen, so die These, auch die Ansprüche der rund 1,3 Mio. Inder. "Wir erwarten ein heftiges, ein gravierendes Wachstum im Busgeschäft", sagt Villinger. Den Schub möchte Daimler nicht verpassen.

Grund für die optimistische Prognose ist ein Investitionsprogramm des Premierministers Narendra Modi, der seit einem Jahr im Amt ist. Er will die Infrastruktur modernisieren, das Straßennetz massiv ausbauen. "Dadurch werden mehr Straßen für Omnibusse passierbar und auch ländliche Gebiete an das Verkehrsnetz angeschlossen", erklärt Villinger, der darin ein nicht zu unterschätzendes Potenzial sieht.

Um das von Armut geprägte Land weiter voranzubringen, wirbt Premier Modi gerade weltweit mit der Werbekampagne "Make it in India". Mit der Initiative möchte er internationale Investoren in das Schwellenland locken. Denn mehr als 800 Mio. Inder leben in Armut.

In seinem vergangenen Mittwoch eröffneten Buswerk produziert Daimler unter der Marke Baharat Benz Schul-, Mitarbeiter- und Touristenbusse. Luxuriöse Reisebusse werden unter dem Label Mercedes-Benz das Werk verlassen. Die Kunden möchte Daimler auch mit einem qualitativ hochwertigen Reparatur-Service überzeugen. "Wir erreichen jeden Kunden innerhalb von vier Stunden", sagt Villinger.

Das Unternehmen will in Chennai zwar vorrangig, aber nicht ausschließlich für den indischen Markt produzieren. Von dem Standort aus will das Unternehmen auch Schwellenländer in Afrika, Südamerika und Südost-Asien mit Chassis beliefern. "Derzeit ist Indien unser günstigster Produktionsstandort", sagt Villinger. "Wir haben hier inzwischen eine so gute Qualität der Zulieferer, dass wir Baugruppen unserem weltweiten Daimler-Netzwerk zu Verfügung stellen wollen." Fahrgestellteile und Kopfstützen werden beispielsweise bereits in die EU exportiert.

Die Auslieferung der Busse soll im dritten Quartal anlaufen. "Die Reaktionen von Kunden sind positiv", berichtet Villinger. In das Stadtbusgeschäft steigt Daimler aber nicht ein. "In den Massenmarkt wollen wir nicht rein, und da kommen wir auch nicht rein", erklärt der Indien-Bus-Chef. Das Regierungsgeschäft sei nicht einfach - "vor allem, wenn wir unseren ethischen Rahmen einhalten wollen". Von deutschen Firmen war bereits häufig zu hören, dass Korruption und überbordende Bürokratie öffentliche Aufträge erschwerten. Mit der Zusammenarbeit mit der Landesregierung von Tamil Nadu sei Daimler dagegen sehr zufrieden. "Hier haben wir viel Unterstützung erhalten."
© Südwest Presse 02.06.2015 07:45
806 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?