Bargeld im Überfluss

Griechen plündern ihre Konten - EZB lässt Banknoten einfliegen
Griechenland schwimmt im Geld. Der Grund: Immer mehr Griechen ziehen ihr Vermögen von den Banken ab aus Sorge vor einem unfreiwilligen Ausscheiden ihres Landes aus dem Euro. Sie horten das Bargeld.Griechenland steht bekanntlich wieder einmal kurz vor der Pleite. Um Renten und Gehälter zu zahlen, musste der Finanzminister zuletzt sogar die Barreserven der Städte und Gemeinden, der Krankenhäuser und Universitäten sowie anderer öffentlicher Körperschaften quasi konfiszieren.

Nächste Woche muss Griechenland mehr als 710 Mio. EUR für die Tilgung eines Kredits des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Jahr 2010 aufbringen. Dafür reicht das Geld nach Aussage von Vize-Finanzminister Dimitris Mardas gerade noch. Aber im Juni dürfte mit nicht aufschiebbaren Zahlungsverpflichtungen von rund 3,5 Mrd. EUR die Kasse leer sein.

Wie passt zu dieser finanziellen Notlage, dass jetzt in Griechenland mehr Bargeld denn je im Umlauf ist? Beides bedingt einander. Aus Angst vor einer drohenden Staatspleite und einem "Grexit", also dem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, haben Unternehmen und Privatkunden in den vergangenen sechs Monaten rund 35 Mrd. EUR von den Banken abgezogen.

Allein im April verringerten sich die Einlagen bei den griechischen Geschäftsbanken um rund 5 Mrd. EUR. Beschleunigt wird der Schwund, weil die Regierung im April per Dekret die öffentlichen Körperschaften verpflichtete, Guthaben von den Geschäftsbanken auf die Zentralbank zu übertragen, wo der Staat Zugriff auf die Gelder hat.

Firmen transferieren verfügbare Gelder meist auf Konten im Ausland. Das tun auch manche private Anleger. Oder sie kaufen als sicher geltende Wertpapiere, zum Beispiel Bundesanleihen. Ein großer Teil der Einlagen bleibt aber im Land. Das Geld wird in Schließfächern, privaten Safes, Truhen, Schreibtischschubladen oder anderen mehr oder weniger sinnvollen Verstecken gehortet. So verwandelt sich in Griechenland immer mehr Buchgeld in Bargeld.

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss deshalb immer mehr Banknotenpakete aus Frankfurt nach Athen fliegen lassen. Der Bargeldbestand in Griechenland erhöhte sich von 30,1 Mrd. EUR im November 2014 auf 43 Mrd. EUR im April 2015. Diese Summe entspricht immerhin rund 25 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). In anderen Euro-Staaten machen die Bargeldbestände nur etwa 5 bis 10 Prozent des Niveaus der gesamten Wirtschaftsleistung aus.

Für die Banken und die griechische Wirtschaft ist diese Bargeldflut sehr problematisch. Denn ein Großteil der Banknoten befindet sich nicht im Geldkreislauf sondern wird gebunkert. Weil die Geschäftsbanken immer weniger Einlagen haben, können sie keine neuen Kredite vergeben. Das verschärft die Liquiditätsklemme der Wirtschaft und würgt die Konjunktur ab.

Einlagen von knapp 132 Mrd. EUR stehen ausgereichte Kredite von 213 Mrd. EUR gegenüber. Noch problematischer wird dieses Missverhältnis, weil infolge der Krise im Durchschnitt etwa 35 Prozent der Kredite nicht mehr bedient werden.

Die griechischen Banken sind inzwischen fast ganz auf Not-Liquidität der nationalen Notenbank angewiesen. Die EZB, die der Vergabe dieser Notkredite (Emergency Liquidity Assistance, Ela) durch die Bank von Griechenland zustimmen muss, erhöhte den Rahmen diese Woche um weitere 2 Mrd. EUR. Insgesamt belaufen sich die Ela-Kredite damit jetzt auf 78,9 Mrd. EUR.
© Südwest Presse 09.05.2015 07:45
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