"Jeder Mitarbeiter will stolz sein"

Klaus Entenmann, Chef der Daimler-Finanztochter: Respekt und Vertrauen sind wichtig
  • Klaus Entenmann leitet die Daimler-Tochter Financial Services. Foto: Oliver Mark
Mitarbeiter gut zu führen, ist nicht so schwierig, meint Klaus Entenmann, der Vorstandschef der Daimler Financial Services AG. Er muss es wissen, sein Unternehmen zählt weltweit zu den Top-Arbeitgebern.Das Beratungsunternehmen Gallup hat vor kurzem seine jährliche Studie zur Motivation der Mitarbeiter vorgelegt. Dabei kam heraus, dass 15 Prozent der Beschäftigten innerlich gekündigt haben und mehr als 70 Prozent Dienst nach Vorschrift machen. Was sagen Sie dazu?

KLAUS ENTENMANN: Zunächst einmal ist es erschreckend, solche Zahlen zu hören. Wenn man allein vom Mitarbeiter aus denkt, dann verbringt dieser rund acht Stunden seines Tages ohne Spaß, ohne Begeisterung. Welche Frustration muss das verursachen?

Für ein Unternehmen sind unmotivierte Mitarbeiter doch auch nicht gut.

ENTENMANN: Es gibt zumindest viele Studien, die belegen, welchen Hebel man hat, wenn jemand mit Begeisterung eine Arbeit übernimmt. Man merkt schon daran, wie man am Telefon begrüßt wird, ob der Gesprächspartner mit Freude dabei ist oder ablehnend agiert. Ein Unternehmen braucht an jeder Stelle Leute, denen der Job Spaß macht, gleichgültig, ob es der Pförtner, Fahrer oder Telefonist ist.

Wie misst man die Motivation von Mitarbeitern? Nehmen wir mal das Beispiel eines Controllers. Wenn der seine Zahlen im Griff hat, bedeutet das noch lange nicht, dass er hochmotiviert arbeitet.

ENTENMANN: Aber auch in der Welt der Zahlen fällt doch durchaus auf, ob jemand nur muffig über seiner Arbeit brütet, oder ob er beispielsweise Ideen hat, wie man was verbessern könnte. Wenn keine Motivation da ist, werden keine Vorschläge kommen.

Sie haben 2014 als erstes deutsches Unternehmen den Sprung unter die 25 besten internationalen Arbeitgeber geschafft. Der Wettbewerb nennt sich "Great Place to Work", also ein großartiger Arbeitsplatz. Wie kam es zu Ihrer Beteiligung?

ENTENMANN: Angefangen hat das 2005. Damals haben wir in Amerika das Projekt "Becoming Number One" gestartet. Wir wollten der beste Finanzdienstleister im automobilen Bereich werden.

Was war Ihre Motivation dafür?

ENTENMANN: Ich hatte in den USA damals die Nachfolge eines sehr erfolgreichen Chefs angetreten. Die Zahlen 2004 waren die besten Zahlen, die wir bis dahin hatten. Deshalb habe ich mich gefragt, wie wir durch Führung und durch die Begeisterung der Mitarbeiter noch mehr erreichen können. Den Schritt von gut zu großartig machen die Menschen aus und die Führung.

Wie sind Sie vorgegangen?

ENTENMANN: Wir haben als erstes die wichtigsten Kennzahlen festgelegt, die wir messen wollen. Das waren die Kunden- und Händlerzufriedenheit, aber auch Servicequalität und -effizienz und eben die Mitarbeiterzufriedenheit. Um die Mitarbeiterzufriedenheit tatsächlich empirisch darstellen zu können, haben wir uns an der Umfrage des "Great Place to Work"-Instituts beteiligt. Seit 2007 machen wir das weltweit in allen 40 Landesgesellschaften.

Warum ist Ihnen Mitarbeiterzufriedenheit so wichtig? Geht es darum, die Fluktuation zu senken?

ENTENMANN: Es geht vor allem darum, herauszufinden, wie das Vertrauensverhältnis zwischen dem Mitarbeiter und seiner Firma ist. Wie steht es um die Kameradschaft im Unternehmen? Fühlen sich die Mitarbeiter fair behandelt? Fühlen sie sich über die Strategie ausreichend informiert?

Also spielt die Kommunikation eine große Rolle? Jeder sollte wissen, warum was wie gemacht wird, welche Ziele gesetzt werden?

ENTENMANN: Ja, das ist wichtig. Glaubhaftigkeit, Respekt, Fairness und Vertrauen. Ein Mitarbeiter muss zudem auf den Laden stolz sein, in dem er arbeitet.

Diese Faktoren spielen vermutlich in unterschiedlichen Kulturkreisen eine unterschiedliche Rolle. Ist der Stolz auf das Unternehmen für Chinesen wichtiger als für Deutsche?

ENTENMANN: Ich behaupte, jeder Mensch will stolz sein auf das, was er tut. In Deutschland ist man mit solchen Aussagen vielleicht etwas zurückhaltender, aber stolz will man trotzdem sein. Logischerweise gibt es Unterschiede in den Bewertungen. Wir wissen, dass US-Amerikaner immer etwas euphorischer bewerten. Aber wenn man weltweit bei der Mitarbeiterzufriedenheit 87 Prozent Zustimmung hat, dann sind es in USA eben 92.

Was macht Ihrer Ansicht nach einen guten Manager aus?

ENTENMANN: Im Zentrum stehen Respekt, Vertrauen, Integrität und Offenheit. Diese Dinge müssen vorgelebt werden. Jeder Mensch will mit Respekt und Offenheit behandelt werden, der Kunde genauso wie der Mitarbeiter. Insofern ist Führung gar nicht kompliziert, auch wenn es dazu jede Menge Bücher gibt. Letztendlich geht es immer wieder um eine Frage: Wie möchte ich selbst begeistert werden für meinen Job? Das, was ich gerne hätte, muss ich auch als Führungskraft ausstrahlen.

Wie suchen Sie nach Personal?

ENTENMANN: Um Nachwuchs zu finden, sind wir an den Universitäten präsent. Wir haben Studenten, die bei uns Praktika machen und dann Interesse haben. Wir sind in sozialen Medien im Internet unterwegs und können uns grundsätzlich, was die Bewerbungen von jungen Nachwuchskräften angeht, nicht beklagen. Wir haben auch bei Daimler eine eigene Karriereseite, die viele Interessenten anzieht.

Worauf schauen Sie bei Bewerbern als erstes? Spielt die Mathematiknote die entscheidende Rolle?

ENTENMANN: Die Mathenote ist nicht das Wichtigste. Ich schaue mehr darauf, wie sich der Bewerber präsentiert, welche Interessen und welche Ausstrahlung er hat. Wichtig ist mir auch, was derjenige erreichen will. Ich würde immer den persönlichen Eindruck in den Vordergrund stellen.
© Südwest Presse 09.05.2015 07:45
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