Mangelware Wohnung

Vor allem für Zuwanderer fehlen bezahlbare Immobilien
  • Trotz Bauboom fehlt eine halbe Millionen Wohnungen in Deutschland. Im Bild ein Blick in die Baustelle einer Wohnanlage in Hamburg. Foto: dpa
Die Wohnungswirtschaft schlägt Alarm: Neubauten sind für immer mehr Mieter in Deutschland unbezahlbar. Zudem fehlen bereits heute hunderttausende Wohnungen - bei steigendem Bedarf.Deutschland wächst. Allein letztes Jahr um knapp 300 000 Menschen, das sind etwa so viele wie im westfälischen Münster wohnen. Doch es gibt da ein Problem: Die Menschen sind hier, aber die neue Großstadt ist noch nicht gebaut. Über Jahre wurden zu wenige neue Häuser hochgezogen, in einer Reihe von Großstädten sehen Experten eine neue Wohnungsnot. Bei Besichtigungsterminen stehen die Interessenten dort Schlange bis auf den Gehweg, die Mieten steigen.

Wer nicht mithält, kann oft nur wegziehen. "400 000 bis 500 000 Wohnungen fehlen im bezahlbaren Bereich", meint Lukas Siebenkotten, der Direktor des Deutschen Mieterbunds, und sieht trotz steigender Neubauzahlen keine Entspannung. Denn auch für Flüchtlingen werden Wohnungen gebraucht. "Da müssen sie locker noch mal 100 000 drauflegen."

Mehr als 1,2 Mio. Menschen zogen 2013 nach Deutschland, drei Viertel davon EU-Bürger. Viele zieht es in die Städte, wohin auch viele deutsche Zuzügler drängen. Im vergangenen Jahr beantragten 200 000 Menschen Asyl in Deutschland. Für dieses Jahr rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit 300 000 weiteren Anträgen, die Bundesländer mit noch mehr.

Doch die Zeit der Containerdörfer, Notunterkünfte und Zelte darf nicht von Dauer sein, da sind sich Mieter- und Vermietervertreter einig. "Das ist Desintegration, das führt zu Parallelwelten", warnt Axel Gedaschko, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Flüchtlinge müssten in normale Mietwohnungen ziehen.

Gedaschko verweist darauf, dass die Behörden die überwiegende Zahl der Asylanträge von Irakern, Syrern und Eritreern genehmigen. "Diese Menschen werden dauerhaft bei uns bleiben. Es sind unsere Mitbewohner in unserem Haus von morgen."

Damit das die Mieter-Konkurrenz in den Ballungszentren nicht verschärft, hofft Mieterbund-Direktor Siebenkotten auf mehr Bürgermeister wie Oliver Junk. Der Rathauschef von Goslar hatte Aufsehen damit erregt, dass er mehr Flüchtlinge in seine Stadt holen wollte, als er muss. Denn Städte wie das niedersächsische Goslar kämpfen mit Abwanderung und Leerstand. "Das einfachste Wachstumsprogramm für Goslar heißt Zuwanderung", meint CDU-Mann Junk.

Im großen Stil neue bezahlbare Wohnungen zu bauen, sei ohnehin nahezu unmöglich geworden, kritisieren die Verbände. "Wir haben den Punkt schon lange überschritten, wo wir etwas bauen können, das alle bezahlen können", fügt Andreas Ibel, der Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, hinzu.

"Die Regelungswut des Staates muss ein Ende erreichen." Das Bündnis fordert vom Staat Steuererleichterungen, Wohnungsbau-Förderung, billiges Bauland und einen neuen sozialen Wohnungsbau.

Um Flüchtlinge in normale Wohnungen zu bringen, seien überwiegend private Investitionen nötig, meint der Chef der Bau-Gewerkschaft IG BAU, Robert Feiger. Er schlägt eine zehnjährige staatliche Mietpreisgarantie für die Investoren vor, auch wenn das noch keine fertige Lösung sei. "Dieses Problem ist im höchsten Maße dringend und humanitär notwendig."
© Südwest Presse 24.04.2015 07:45
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