Alles halb so wild

100 Tage Mindestlohn: Erste Zwischenbilanz sechs großer Unternehmen
  • Hat auch schon vor Einführung des Mindestlohns mehr als 8,50 EUR in der Stunde bekommen: ein Mitarbeiter der Firma Bosch. Foto: Bosch
Verbände kritisieren ihn als Bürokratiemonster, die Regierung feiert ihn als Erfolg, doch was sagen eigentlich die Unternehmen selbst? Wir haben sechs von ihnen gefragt, wie sie mit dem Mindestlohn umgehen.WMF "Der Mindestlohn hat derzeit keine Auswirkungen auf unser tägliches Geschäft, weder operativ noch strategisch." Kai Hummel, Konzernsprecher der WMF, bringt es auf den Punkt. Auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE gaben sechs von der Redaktion ausgewählte Unternehmen an, dass sie der Mindestlohn im Großen und Ganzen nicht berühre. Auch am unteren Ende der Mitarbeiter-Hierarchie gäbe es nach Einführung des Mindestlohns nur wenig zu adjustieren - WMF beschäftigt heuer ebenso viele Praktikanten (etwa 10) und Ferienjobber (etwa 100) wie im Vorjahr.

Daimler Ein ähnliches Bild gibt der Autobauer Daimler zurück: Die Anzahl der Mitarbeiter, der Praktikanten und Ferienjobber bleibt konstant. Zwei Gründe: Die Produktion brummt, so dass man nicht auf Ferienjobber verzichten kann. Und unter den mehr als 5000 Praktikanten, die der Konzern beschäftigt, hofft man die Talente der Zukunft zu finden. Dabei hilft selbstverständlich auch, dass Pflichtpraktikanten, also jene, die ein maximal dreimonatiges Praktikum als Teil ihres Studiums absolvieren, von der Mindestlohnregelung ausgenommen sind.

Stihl Da nicht alle Praktikanten studieren, hat sich die Firma Stihl an vorsichtige Umstrukturierungen gemacht. Der Motorsägen-Hersteller aus Waiblingen arbeitet aktuell an einem neuen Vergütungskonzept für Praktikanten. Mit Bewerbern, die nicht studienbegleitend in das Unternehmen wollen, sei man in den vergangenen Monaten "etwas zurückhaltender" umgegangen, teilt das Unternehmen mit. In Zukunft solle es ein Konzept geben, das die Bezahlung von Praktikanten einheitlich regelt. Keinen Umbaubedarf sieht auch Stihl bei der Stammbelegschaft und Ferienjobbern. Diesen habe das Unternehmen in den vergangenen Jahren auch in der untersten Lohngruppe ein Gehalt gezahlt, das deutlich über dem Mindestlohn liege.

EBM-Papst Tatsächlich, das zeigt die Antwort der Firma EBM-Papst in Mulfingen, ist es nicht das Lohnniveau, das den Unternehmen Sorgen bereitet. Auch der Hersteller von Elektromotoren und Ventilatoren, so Personalleiter Ralf Sturm habe allen Mitarbeitern bereits vor Einführung des Mindestlohns mehr bezahlt, als es das Gesetz nun vorschreibt.

Die eigentliche Herausforderung sehe man in den dazu gehörenden Richtlinien und Formerfordernissen. "Die betroffenen Mitarbeitergruppen Minijobber, Praktikanten und Ferienarbeiter haben im ersten Schritt darunter zu leiden", schreibt Sturm. Bei Unsicherheiten würden ihre Stellen abgebaut. Dennoch, so Sturm weiter, wolle man die Anzahl der Praktikanten und Ferienjobber konstant halten.

Bosch Weniger dramatisch klingt die Situationsbeschreibung bei Bosch: "Betroffene Beschäftigungsverhältnisse wurden auf die Einhaltung des Mindestlohnes hin überprüft und soweit erforderlich angepasst", sagt Pressesprecher Sven Kahn. Der Personalbedarf sei gleich geblieben, Praktikanten stelle man ein wie sonst auch und auch für Ferienjobber erwarte man keinen Rückgang. Rund 4000 freiwillige und Pfilchtpraktikanten hat das Unternehmen im vergangenen Jahr aufgenommen, in diesem Jahr rechnet Kahn damit, dass "im vergleichbaren Umfang" Praxiseinblicke gewährt werden können. Diese dauern bei Bosch maximal drei Monate und können danach in eine tariflich vergütete "Praxisstudententätigkeit" umgewandelt werden.

Trumpf "Wir bauen aktuell Stellen auf, da das Unternehmen wächst. Dies ist völlig unabhängig vom Mindestlohn", schreibt Nina Müller vom Werkzeugmaschinen-Hersteller Trumpf. Natürlich, das hat Trumpf mit allen anderen Unternehmen gemein, habe man bereits vor dem 1. Januar 2015 Gehälter gezahlt, die deutlich über dem Mindestlohnniveau lagen. Einzige Ausnahme bilden die studentischen Mitarbeiter und deren Gehalt wurde nun angeglichen. Gleiches gilt für Praktikanten, die länger als drei Monate im Unternehmen bleiben.
© Südwest Presse 11.04.2015 07:45
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