Zukunft in der Schwebe

Zeppelin-Reederei vermeldet Passagierrekord - Großaufträge bleiben aus
  • Saisonauftakt in Friedrichshafen: Touristen können nun 30 bis 120-minütige Flüge mit einem Zeppelin buchen, müssen dafür aber auch mindestens 200 EUR zahlen. Foto: Thomas Block
Das Luftschiff, mit dem eine alte Idee wiederbelebt werden soll, heißt Zeppelin Neue Technologie (NT). Abnehmer gibt es kaum, dafür viele Passagiere, die bereit sind, viel Geld für einen Flug zu zahlen.Bitte anschnallen, nichts aus dem Fenster werfen, das sind die Schwimmwesten, die werden Sie eh nicht brauchen, und jetzt los, das Luftschiff wartet - Dietmar Wolke von der Firma Zeppelin Luftschifftechnik GmbH (ZLT) benötigt keine fünf Minuten, um in der Schleuse zwischen Restaurant und Flugfeld alle Passagiere in die Regeln des Luftschiffverkehrs einzuführen.

Die Passagiere sollen sich wohlfühlen. Bis zu 785 EUR haben sie für den Flug über den Bodensee ausgegeben - da ist man bemüht, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die negativ auf das Erlebnis abfärben könnten. 18 300 Gäste hat die ZLT, für die Dietmar Wolke arbeitet, im Jahr 2014 transportiert. Das ist mehr als je zuvor und verdeutlicht die tragende Rolle, die das hochpreisige Touristenangebot bei den Friedrichshafenern spielt. Dabei war das Unternehmen einst angetreten, um Luftschiffe herzustellen und in die ganze Welt zu verkaufen.

Zeppelin Neue Technologie (NT) heißt der ganze Stolz des Unternehmens. Glaubt man der Geschäftsführung, dann ist es mit dem NT gelungen, das Luftschiff behutsam in die Moderne zu schubsen. Das Helium im Zeppelin-Inneren ist nicht brennbar, hinter einem der Ruder sitzt die weltweit einzige Frau mit Zeppelin-Pilotenschein, und dass die Triebwerke die modernsten der Welt sind, versteht sich angesichts der wenigen Konkurrenzprodukte von selbst. Leise, in niedriger Flughöhe und mit geräumiger Passagierkabine gleitet der Zeppelin an sieben Tagen in der Woche über den türkis glitzernden Bodensee. Nirgends sonst ist man dem Himmel so nah, sagen die Kapitäne. Da lässt es sich auch verzeihen, dass das Unternehmen es erst im Jahr 2014 schaffte, Passagieren ein Online-Buchungssystem bereitzustellen.

Wirtschaftlich feiert die ZLT Erfolge auf überschaubarem Niveau. Die Bilanz nach 22 Jahren seit Unternehmensgründung: Fünf der weltweit zehn aktiven Luftschiffe wurden in Friedrichshafen hergestellt. Ein "absoluter Nischenmarkt" heißt es bei der ZLT, ein Produkt, auf das es auch in den kommenden Jahren keinen Ansturm geben wird. Abnehmer, die 14,5 Mio. EUR für ein Transportmittel auf den Tisch legen, das kaum einer fliegen kann, und in das maximal 13 Passagiere auf einmal passen, sind rar. "Es wird nie eine Serienproduktion geben", sagt Geschäftsführer Thomas Brandt.

Als die ZLT im Jahr 2011 drei Zeppeline an die us-amerikanische Firma Goodyear verkaufte, wurde das als größter Erfolg seit Unternehmensgründung gefeiert. Tatsächlich ist Goodyear der einzige Kunde, der wirklich zugeschlagen hat - zuvor waren alle geplanten Geschäfte geplatzt. Auch für das Jahr 2015 sind bislang keine Verkäufe angekündigt. Die meisten Zeppeline befinden sich im Besitz der ZLT selbst.

Dass das Unternehmen überhaupt schwarze Zahlen schreibt, liegt daran, dass die ZLT Luftschiffe nicht nur herstellt, sondern auch betreibt und vermarktet. Ein kleiner Teil des Gewinns wird dadurch generiert, dass die Außenhülle des Zeppelins als Werbefläche vermietet wird. Durch Forschungsexpeditionen kommt noch einmal etwas Geld herein, ebenso durch Touren für externe Auftraggeber.

Langfristig wird sich die ZLT mit diesen Geschäftsbereichen jedoch nicht finanzieren können. Den Werbemarkt beschreibt Brandt als "rückläufig", die Expeditionen als nicht stabil. Verlass ist bislang nur auf das Geschäft mit Fluggästen.

Wieder am Boden gibt es für die Passagiere einen Prosecco, eine Urkunde und einen flotten Spruch vom Kapitän. Das Unternehmen, das sich Mitte der 90er aufmachte, eine stolze Tradition wiederzubeleben, ist aktuell auf diese Form des Bodenseetourismus angewiesen. Solange, bis endlich neue Geschäftsfelder am Horizont auftauchen.

Ein Kapitän erklärt im Video, warum nichts so schön ist, wie Zeppelin-

Fliegen. swp.de/zeppelinflug
© Südwest Presse 17.03.2015 07:45
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