Keine Sorge um Lesekultur

Clemens Maier von Ravensburger über die Zukunft des Kinderbuchs
  • Ravensburger ist bisher vor allem für seine Kinderbücher bekannt. In Zukunft setzt das Familienunternehmen auch auf Romane für Jugendliche, sagt Vorstandsmitglied Clemens Maier. Fotos: Marc Hörger/dpa
Der Einzug der Tablets in die Kinderzimmer verändert auch die Entwicklung von Kinderbüchern, sagt Ravensburger-Vorstandsmitglied Clemens Maier. Um die Lesekultur der jungen Generation ist ihm nicht bange.Das Weihnachtsgeschäft hat für die Ravensburger AG, den größten deutschen Spiele- und Kinderbuchhersteller, gut begonnen. Traditionell sind die Wochen vor Weihnachten die wichtigsten und umsatzstärksten für Spielehersteller. "Auch im Kinder- und Jugendbuchmarkt kommt es auf die letzten Wochen vor Weihnachten an. Der Dezember hat in den letzten Jahren an Bedeutung für den Umsatz gewonnen", sagt Clemens Maier, Vorstandsmitglied der Ravensburger AG.

"Dennoch werden Kinderbüchern als Geschenk tendenziell etwas früher eingekauft und nicht so sehr auf den letzten Drücker wie manches Buch für Erwachsene", sagt Maier der SÜDWEST PRESSE. Mit dem kühleren Wetter und der Adventszeit komme die Kauflaune, "und Bücher gehören zu den beliebtesten Geschenken".

Sorgen um die Lesekultur der Kinder und Jugendlichen macht er sich nicht. Die sei besser als viele denken. "Je nach Studie lesen zwischen Zweidrittel und Dreiviertel aller Kinder - oder geben an zu lesen", sagt der Urenkel des Firmengründers Otto Maier. Die Mädchen mehr, die Jungs etwas weniger. Der Markt für Kinder- und Jugendbücher sei ebenso Bestsellergetrieben wie der für Erwachsene.

Das sieht Margit Müller, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen ebenso. Ein herausragender Trend sei derzeit nicht auszumachen. Tendenziell gehe es weg vom Fantasy-Bereich wieder mehr ins Reale. Beliebt seien Zukunftsszenarien. Der Kinder- und Jugendbuchmarkt sei sehr vielschichtig und eine Spielwiese für vieles. "Themen werden hier getestet und für die Belletristik übernommen - der Geschmack, die Themen der Jugendlichen von heute sind die die der Erwachsenen von morgen", erklärt Müller. Das Marktvolumen betrug zuletzt rund 573 Mio. EUR. Ravensburger kommt als Marktführer auf einen Anteil von 10,3 Prozent.

Laut Maier vollzieht sich in der Form der Bücher ein Wandel: "Die Bedeutung der E-Books nimmt zu." Im Belletristik-Markt für Erwachsene sind Tablets und E-Reader bereits etabliert. In Amerika sei das normale Taschenbuch weitgehend verdrängt. Auch in Deutschland steigen die E-Book-Anteile bei Erwachsenen. "Im Kinderbuchmarkt, der hauptsächlich grafisch getrieben ist, ist es noch nicht so weit", erläutert Maier. Die meisten Reader seien schwarz-weiß, das begrenze die Möglichkeiten.

Wenngleich noch nicht jeder Zwölfjährige ein Tablet oder einen Reader besitze, wirke sich die zunehmende Digitalisierung auf die Entwicklung der Kinderbücher aus: "Wir bereiten uns auf diese zweite Welle aktiv vor." Derzeit beträgt der E-Book-Anteil im Kinder- und Jugendbereich in Deutschland rund 2,5 Prozent. Die Verbreitung der Tablets bei Erwachsenen ist weiter. "All unsere rein textbasierten Titel verlegen wir automatisch auch als E-Book und bieten sie auf allen Plattformen an."

Vor dem Hintergrund der Digitalisierung hat das Familienunternehmen eine neue Vision entwickelt. Der Spiele- und Buchhersteller will seine Angebote unabhängig von der Ausgabeform machen. "Im Kern geht es bei unseren Produkten um den Inhalt: im Buchbereich um die Geschichte oder das Wissen, das vermittelt wird, im Spiel um das spielerische Konzept. Ob etwas auf Papier gedruckt wird und zwischen zwei Buchdeckeln auf den Markt kommt oder auf einem Tablet als E-Book erscheint oder in irgendeiner Form dazwischen, die wir hybrid nennen, soll zweitrangig werden", erläutert Maier die Strategie.

Neben dem Lesen auf elektronischen Geräten ist Ravensburger von einem weiteren Mega-Trend betroffen: der sinkenden Geburtenrate. Die wirkt sich bisher aber nicht stark aus. Der Kinder- und Jugendbuchmarkt ist laut Maier relativ stabil, der Spielwarenmarkt ist in den vergangenen drei, vier Jahren sogar gewachsen.

Das hat einen einfachen Grund: Die Ausgaben pro Kind steigen. "Wir bei Ravensburger erklären uns das unter anderem mit der Zunahme der Patchwork-Familien. Heute gibt es mehr Partnerschaften, die auseinandergehen, mehr Ehen, die geschieden werden - und die später neue Familien bilden. Damit wächst der Kreis der Schenkenden."

Dennoch reagiert der Ravensburger Verlag, der bisher vor allem für allererste Vorlesebücher und wissensvermittelnde Bücher steht, auf die demografische Entwicklung und setzt mehr auf erzählende Jugendbücher. !]"Hier", so Maier, "gibt es Wachstumschancen".
© Südwest Presse 05.12.2014 07:45
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