Zierlich, aber unerbittlich

Die Französin Nouy schaut den europäischen Finanzhäusern auf die Finger
  • Sie ist künftig eine der mächtigsten Frauen in Europa: Danièle Nouy, die Chefin der neuen europäischen Bankenaufsicht. Foto: dpa
So klein und zierlich sie ist, so unerbittlich gilt sie in der Bankenbranche. Danièle Nouy ist die Chefin der neuen europäischen Bankenaufsicht (SSM). Und damit eine der mächtigsten Frauen in Europa.Es war ihr erster wichtiger und nicht nur europaweit beachteter Auftritt. Danièle Nouy hat ihn am Sonntag mit Selbstbewusstsein und klaren Worten im Konferenzsaal der Europäischen Zentralbank (EZB) an der Seite von Notenbank-Vize-Präsident Vitor Constancio absolviert. Nach zehn stressigen Monaten klopfte sich die zierliche Französin und künftige Chefin der neuen europäischen Bankenaufsicht (SSM) unter dem Dach der EZB auch ein wenig selbst auf die Schultern. Der Banken-Stresstest sei glaubwürdig, sagte die 64jährige. Gemeinsam mit der EZB und den nationalen Bankenaufsehern hatte Nouy 6000 Aufseher zu 130 Banken in der Eurozone geschickt und Kredite und Wertpapiere detailliert analysieren lassen. Den anschließenden harten Belastungstest haben 25 Banken in Europa, wie berichtet, nicht bestanden.

Kein Banker sollte die nur 1,55 Meter große Französin mit ihren blonden Haaren, der schwarzen Brille und dem schmalen Gesicht unterschätzen. Nach EZB-Präsident Mario Draghi wird sie eine der mächtigsten Person in der europäischen Finanzszene sein. Am 4. November beim offiziellen Startschuss des SSM übernimmt sie dessen Leitung. Nouy gilt als hartnäckig, sehr fachkundig und unnachgiebig. Banker stünden vor ihr stramm, sie sei gefürchtet, heißt es. Darüber würde die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern lächeln. Beirren lässt sie sich von solchen Urteilen nicht.

Seit Anfang Dezember vergangenen Jahres hat sie ihr Büro im 14. Stock eines Bankenturms unweit des Eurotowers. Mittelfristig wird sie mit ihren rund tausend Mitarbeitern in den Eurotower wechseln, wenn die Notenbanker ihre beiden neuen Türme im Frankfurter Osten bezogen haben und der Eurotower renoviert ist. Nouy hält es für richtig, dass die europäische Bankenaufsicht bei der EZB angesiedelt wird. Die Zentralbank könne so effizienter arbeiten und habe mehr Macht. Das werde "die Währungsunion ergänzen und stärker machen".

An der fachlichen Qualifikation der mit einem Versicherungsmanager verheirateten Bankenaufseherin, die Jura und Politik studiert hat, gibt es keine Zweifel. Von 1974 an arbeitete Nouy zunächst bei der französischen Notenbank. Von 2007 bis zu ihrer Berufung nach Frankfurt leitete sie die dort angesiedelte Banken- und Versicherungsaufsicht.

In den zehn Monaten in Frankfurt war sie nicht nur mit dem Bankentest beschäftigt, sondern auch mit den Vorbereitungen der künftigen Aufsicht, welche die 120 größten europäischen Banken direkt und die anderen in enger Absprache mit den nationalen Notenbanken kontrolliert. "Unsere Aufsicht wird streng, aber fair sein", sagt Nouy, die den SSM fünf Jahre leiten soll. "Wir werden nicht davor zurückschrecken, uns einzumischen. Und es wird eine Aufsicht sein frei von etwaigen nationalen Vorlieben oder Vorurteilen."

Im Aufsichtsteam werden Experten aus verschiedenen Ländern sitzen. Der jeweilige Leiter darf nie aus dem Land der Bank kommen, die überwacht wird. Außerdem werden die Teams rotieren.

Sehr genau werden sich Nouy und ihre Aufseher auch die internen Modelle anschauen, mit denen die Banken selbst ihre Risiken und ihren Kapitalbedarf berechnen. Dass da gemogelt wird, halten Experten für nicht unwahrscheinlich. Die Französin stellt klar: Missachten die Banken die Auflagen, kann eine Strafe von bis zu 10 Prozent des Jahres-Umsatzes fällig werden.

Ein erster Prüfstein steht schon ins Haus. Bis 10. November müssen 13 Banken Pläne präsentieren, wie sie die Kapitallücke von 9,5 Mrd. EUR füllen wollen. Nouy wird notfalls nicht davor zurückschrecken, eine Bank abzuwickeln. Eine neue Finanzkrise lasse sich nie ausschließen, sagt Nouy. "Aber ich bin der festen Meinung, dass es nie zuvor eine europäische Institution gab, die besser gerüstet war, dieses Risiko zu minimieren." Nouy wird sich an diesen Worten messen lassen müssen.
© Südwest Presse 29.10.2014 07:45
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