Lockruf für Eltern

Wie sich Unternehmen zu attraktiven Arbeitgebern entwickeln
  • Der Outdoorausrüster Vaude mit Sitz im oberschwäbischen Tettnang bietet seinen Mitarbeitern schon seit Jahren Unterstützung beim Betreuen des Nachwuchses: Das Kinderhaus steht neben der Unternehmenszentrale. Foto: Vaude
Die Unternehmen im Südwesten brauchen qualifizierte Kräfte, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Fortschrittliche Firmen setzen längst auf familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und sind damit erfolgreich.. Der Kampf um kluge Köpfe und Fachkräfte beschäftigt die deutschen Unternehmen derzeit wie kaum ein anderes Thema. "Dabei stellen sich manche Firmen deutlich geschickter an als andere", sagt Karin Welz von der Ulmer Personalberatung Eleven. Ihrer Erfahrung nach sind noch zu viele Unternehmen der Meinung: "Die Bewerber müssen froh sein, wenn sie bei uns eine Stelle bekommen."

Doch heute haben qualifizierte Kandidaten oft die Wahl, für wen sie sich entscheiden. Für Unternehmen geht es daher immer mehr darum, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Vor allem kleinere Firmen in ländlichen Regionen tun sich schwer, gute Mitarbeiter zu finden. Insbesondere Ingenieure und Software-Experten, aber auch Pflege-Fachkräfte sind gesucht. Der demografische Wandel wird das Problem künftig verschärfen, warnen Experten.

"Die Fachkräftesicherung ist das strategische Thema der Zukunft", sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer. Die Arbeitgeber müssten daher neue Ideen entwickeln. Denn mit der Fachkräftelücke wachsen auch die Ansprüche der Arbeitnehmer.

Galt etwa lange Zeit das Gehalt als wichtigste Stellschraube, um gute Mitarbeiter für einen Job zu gewinnen, rückt inzwischen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer stärker in den Blick. Mit flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, können Arbeitgeber daher punkten. Hinzu kommen Angebote für die Kinderbetreuung.

Der Bergsportausrüster Vaude hat das schon früh erkannt. Für seine Familienfreundlichkeit wurde das Unternehmen aus dem idyllisch gelegenen Tettnang-Obereisenbach (Bodenseekreis) mehrfach ausgezeichnet: Die Leichtigkeit, mit der junge Eltern hier in den Beruf zurückkehren können, ist bei deutschen Arbeitgebern eher die Ausnahme. Das liegt auch an den persönlichen Erfahrungen von Firmenchefin Antje von Dewitz (41): Kaum war sie vor gut 14 Jahren nach Studium und Promotion als Produktmanagerin in den elterlichen Betrieb eingestiegen, wurde sie zum ersten Mal schwanger. Eine passende Kinderbetreuung suchte sie vergeblich. In ihrer Not gründete sie 2001 ihr eigenes Kinderhaus - zunächst mit einer altersgemischten Gruppe von ein bis zehn Jahren.

"Damals haben wir bei den Mitarbeitern den Betreuungsbedarf abgefragt", erinnert sich von Dewitz. Doch das Interesse war gering, das finanzielle Risiko hoch. Die Baukosten beliefen sich auf 180 000 EUR. "Dazu kamen jährliche Betriebskosten von 28 000 EUR und die Personalkosten." Kaum war das Kinderhaus fertig, wuchs die Nachfrage rasant. 2006 kam eine Krippengruppe für Unter-Dreijährige hinzu.

Heute gilt Vaude als Aushängeschild in punkto familienfreundlicher Arbeitgeber. Ein Großteil der 500 Mitarbeiter am Stammsitz (insgesamt zählt Vaude 1600 Beschäftigte) nutzt die Kinderbetreuung sowie Teilzeitmodelle, die von 20 bis 90 Prozent reichen.

Zwar dürfte sich für die meisten kleineren Unternehmen eine eigene Betriebskita kaum lohnen. Doch können sie sich an Betreuungskosten beteiligen, Belegplätze in den Kitas der Umgebung anbieten oder Eltern-Kind-Büros einrichten, die nicht nur mit Schreibtisch und PC, sondern auch mit Wickeltisch, Spielecke und Bettchen ausgerüstet sind und berufstätigen Eltern zur Verfügung stehen, falls die Krippe mal zu hat oder der Babysitter verhindert ist.

Wie Vaude setzt auch die Ulmer Uzin Utz AG auf langfristig angelegte Maßnahmen, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. "Für ein Unternehmen, das Service und Dienstleistung an seinen Kunden groß schreibt, hängt der Erfolg stark von der Einstellung jedes Einzelnen ab", erklärt Florian Neymeyer, Personalchef beim Spezialisten für Bodenbearbeitung.

Um gute Leute zu finden und zu halten, ist für ihn die Unternehmenskultur der wichtigste Erfolgsfaktor. "Gelebte Wertschätzung ist ein wesentlicher Baustein. Hierfür schulen wir auch die Führungskräfte." Zu den Maßnahmen für die rund 940 Mitarbeiter gehören auch regelmäßige Weiterbildungen, Seminare wie etwa "Frauen in Führung", Sozialleistungen wie Gesundheitstage, Kindertagesplätze und Teilzeitmodelle.

Unternehmen, die die Personalgewinnung langfristig angehen, sind erfolgreicher als jene, die nur bei Bedarf nach Personal suchen, sagt Wolfgang Brickwedde, der das "Institute for Competitive Recruiting" (Heidelberg) leitet. Firmen, die sich keine Gedanken machen, werden in Zeiten des Fachkräftemangels immer häufiger ihre freien Stellen nicht besetzen können.
© Südwest Presse 14.06.2014 07:45
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