Recaro sorgt weltweit für den richtigen Sitz

Kirchheimer Autozulieferer muss Sicherheit, Bequemlichkeit und nationale Vorlieben verbinden
  • Autositz ist nicht gleich Autositz: Bei Entwicklung und Produktion muss das Kirchheimer Unternehmen Recaro verschiedenste Wünsche umsetzen. Foto: Recaro
Bequem sitzen? Klar, daheim auf dem Sofa. Wer in einem Sportwagen Platz nimmt, stellt andere Ansprüche. Nur die Chinesen wollen das nicht verstehen, weiß der Autositze-Hersteller Recaro.Chinesen sitzen gerne weich. Schön, mag man denken, sollen sie doch. Für Autobauer aber kann der Wunsch nach bequemer Polsterung zum Problem werden. Weiches Sitzen drückt für Chinesen Wohlstand aus, lässt sich aber nur schwer mit Sportsitzen schneller Autos vereinbaren, sagt Elmar Deegener. "Um zu spüren, wie sich das Auto in Extremsituationen verhält, ist eine harte Polsterung entscheidend", erklärt der Chef des Autositze-Herstellers Recaro. Weltweit sei dies auch so üblich - ausgerechnet aber nicht auf dem extrem wichtigen Wachstumsmarkt China.

Das Unternehmen in Kirchheim unter Teck versucht, der nationalen Vorliebe mit einem dickeren Unterbezug, der sich zwischen hartem Schaumstoff und dem Bezug befindet, nachzukommen. Aber es gibt noch viel mehr Anforderungen. Von "komfortablem Einsitzgefühl" ist bei Recaro die Rede, "richtiger Kaschierung", "High-Performance-Material", "perfektem Hüftpunkt" und "auswechselbaren Polster-Pads". Die Hoffnungen des Unternehmens liegen dabei auf einer Sportsitzplattform aus "Carbon und Schaum in Sandwichbauweise". Sitzunterbau und Lehneneinsteller aus Stahl werden über ein neuartiges Befestigungskonzept mit der Lehnenstruktur verbunden. Entwicklungskosten des neuen Modells: bis zu 20 Mio. EUR. Von 2016 an sollen Fahrer in Sportautos darauf Platz nehmen.

Der Stuhl wird in einem Baukastensystem für mehrere Auto-Modelle angeboten und soll mit 25prozentiger Gewichtseinsparung und extrem niedriger Bauweise überzeugen. Kleine Fahrer können den Sitz nach oben schieben, um überhaupt die Straße zu sehen.

Aber es geht extremer. Für den Motorsport stellt Recaro eine "Rennschale" ohne Straßenzulassung her. Durch zwei Fenster über Schulterhöhe werden spezielle Gurte geführt. Gleichzeitig verhindert ein Gurt von unten zwischen den Beinen ein Abrutschen des Körpers bei einem Unfall. "Der Rennfahrer ist wie in einem Babysitz gesichert", versichert Christian Debus, der Leiter des Standortes Kirchheim. Der feuerrote Sitz wird etwa in Rennmodelle der Daimler-Tochter AMG und Porsche eingebaut und soll einen eigenen Überlebensraum darstellen, sagt Deegener. Auf einer Schiene lässt sich der Sitz nach hinten fahren, um Rettern nach einem Crash die Bergung zu erleichtern. Damit der Helm des Fahrers nicht gegen den Überrollkäfig knallt, gibt es so genannte Ohren am Sitz, die sich links und rechts des Kopfes befinden. Diese dürfen bei einer Belastung von 3,5 Tonnen nur 10 Zentimeter nachgeben. Bis zu 6000 EUR kostet der Sitz aus Kohlefaser.

In den 90er-Jahren war Recaro schon einmal bei Autositzen technisch vorne dabei. Eine Stahlkonstruktion wurde in Daimler SLK, Audi TT und 911er von Porsche eingebaut. "In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat man die Investitionen weit heruntergefahren", glaubt Deegener. 2011 wurde Recaro vom US-Mischkonzern Johnson Controls übernommen - der Recaro Automotive Seating, wie das Unternehmen vollständig heißt, wieder nach vorne bringen will. Flugzeug- und Kindersitze blieben bei dem alten Besitzer Recaro Holding.

"2017/18 werden wohl weltweit 100 Mio. Autos verkauft werden. Wir sehen unseren speziellen Markt bei 3 Mio., sagt Debus. Das wären dann 3 Mrd. EUR Umsatz, von denen sich Recaro längerfristig 20 bis 25 Prozent Anteil verspricht. Wieviel Ertrag und Umsatz derzeit geschrieben werden, wird nicht verraten. Nur soviel: Vor zwei Jahren lag der Umsatz bei 150 Mio. EUR und seitdem wurde im zweistelligen Prozentbereich zugelegt; 45 Mio. EUR Umsatz bezahlen Autobauer, die Sitze lieber selbst produzieren, für Vorentwicklungen. Denn auch das hat sich geändert: Porsche oder Ferrari wollen den Anschein erwecken, alles selbst zu machen. Stand der Name Recaro früher noch in großen Buchstaben auf den Sitzen, begnügen sich die Württemberger heute mit einer kleinen silbernen Zierleiste an der Lehne.

Mit den jährlich hergestellten 100 000 Auto- und 50 000 Lkw-Sitzen schreibe man schwarz, sagt Deegener. Der Druck der Autohersteller sei in diesem Premium-Segment nicht so groß wie in anderen Zuliefererbereichen. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich 2013 von 835 um 100 erhöht, am Unternehmenssitz Kirchheim blieb sie mit 275 gleich.

Info Die Wurzeln des Unternehmens liegen in einer 1906 gegründeten Stuttgarter Sattlerei, aus der das Karosseriewerk Reutter hervorging. Karosserien wurden etwa für Volkswagen und Porsche gebaut. 1957 wurde Recaro aus der Telegrammadresse REutter CAROsserie gebildet.
© Südwest Presse 22.11.2013 07:45
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