Lebensgefährliche Pillen

Der Internethandel mit gefälschten Medikamenten wächst rasch
  • Die Zollbeamten in Deutschland finden immer häufiger gefälschte Arzneimittel. Jetzt will der Zoll gemeinsam mit den Herstellern und den Apothekern diesen Fälschern den Kampf ansagen. Foto: dpa
Jedes zweite Arzneimittel, das illegal im Internet gehandelt wird, ist gefälscht. Wer sie kauft, spielt Roulette mit der Gesundheit: Sie enthalten gar keinen, den falschen, zu wenig oder zu viel Wirkstoff.Mit 13 000 verschreibungspflichtigen Tabletten wurde am Dienstag ein 19-jähriger Inder auf dem Frankfurter Flughafen erwischt - und mit ihm gleich sein deutscher Adoptivvater, der die Medikamente über einen Webshop vertreiben wollte. Das passiert zwar nicht täglich, aber es ist symptomatisch, sagt Wolfgang Schmitz vom Zollkriminalamt: Durch den Handel im Internet kommen immer mehr gefälschte Medikamente auf den deutschen Markt. Allein im ersten Halbjahr 2013 hat der deutsche Zoll 1,4 Mio. gefälschte Tabletten, Pulver und Ampullen sichergestellt, 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Weil die Entwicklung nicht nur den Zoll, sondern auch Pharmahersteller und Apotheken alarmiert, kämpfen sie gemeinsam. "Es wird alles gefälscht, was Profit verspricht", sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Apotheker, Martin Schulz, gestern in Berlin. Wer Medikamente im Internet kauft, spiele mit seiner Gesundheit Russisches Roulette, warnte Schmitz. Längst werden nicht nur Potenz- oder Schlankheitsmittel gefälscht, sondern auch Herz-, Krebs- und Aids-Medikamente. Hinzu kommt der wachsende Markt für Dopingprodukte, die Amateur-Bobybuilder erwerben, damit ihre Muskeln schneller wachsen.

Wie viele Milliarden weltweit umgesetzt werden, liegt ebenso im Dunkeln wie das ganze Geschäft. Es verspricht hohe Gewinnspannen bei geringem Risiko - und es ist dabei, dem Rauschgifthandel von einem Spitzenplatz der lukrativsten illegalen Geschäfte zu vertreiben, schätzt Peter Keller vom Zollkriminalamt die Lage ein. Den Grund zeigen zwei Zahlen: Für ein Kilogramm Heroin beträgt der Rohstoffpreis 1000 bis 1200 EUR, und es bringt einen Erlös von bis zu 30 000 EUR. Das Potenzmittel Viagra, eines der am häufigsten illegal gehandelten Produkte, verspricht ähnlich hohe Einnahmen. Der Wirkstoff kostet aber nur 40 bis 50 EUR.

Wenn er überhaupt vorhanden ist. Denn was in Hinterhof-Laboratorien in Indien, China, Südostasien und Osteuropa zusammengekocht wird, enthält häufig gar keinen, den falschen, zu wenig oder zu viel Wirkstoff. Die Motive für den Einkauf im Internet sind vielfältig, von der Scham, sich vom Arzt ein Potenzmittel verschreiben zu lassen, bis zur Suche nach "natürlichen" Mitteln als Alternative zu herkömmlichen Medikamenten. Mit professionellem Marketing versprechen die Hersteller viel, obwohl es gar nicht stimmt. Zudem kann die "hochwirksame Dosis" nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt viel zu viel sein. Auch den Käufern drohen zumindest Geldbußen.

Der Handel läuft dank des Internets international. Daher verfolgt ihn auch der Zoll über Interpol international. Eine gemeinsame Aktion in über 100 Staaten führte im Juni zur Beschlagnahme von 9,8 Mio. potenziell gefährlicher Medikamentenfälschungen und 58 Verhaftungen. Mehr als 9000 Internetseiten illegaler Händler wurden abgeschaltet - und wohl am nächsten Tag unter leicht verändertem Namen neu gestartet, vermutet Schmitz.

Die deutschen Apotheken sind ebenso wie die zertifizierten Internet-Apotheken weitgehend sicher, beteuerte Schulz. Doch auch sie sind nicht ganz vor Fälschungen nicht gefeit. So tauchten vereinzelt etwa gefälschte Magenmittel auf. Erst aufwändige Untersuchungen zeigten, dass von 6800 Packungen, die Apotheken zurückgeschickt hatten, 80 Prozent gefälscht waren. Das Problem sind für Schulz Generika, also legale Nachahmerprodukte nicht patentgeschützter Medikamente, die immer billiger werden.

Um hundertprozentige Sicherheit zu bieten, führen die Apotheken bis 2017 europaweit ein System ein, mit dem sie die Echtheit jeder einzelnen Packung bis zur Fabrik zurückverfolgen können. Der "Data Matrix Code" soll für Fälscher nicht zu knacken sein. Allerdings erfordert die Umsetzung bei Herstellern und Apotheken viel Zeit.
© Südwest Presse 12.09.2013 07:45
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