Wie man Kinder absichert

150 000 Mädchen und Jungen gelten in Deutschland als invalide
  • Ein Arzt im Gespräch mit einem behinderten Mädchen: Kinder werden am häufigsten durch Krankheiten invalide. Foto: WavebreakMediaMicro/Fotolia
Nur die wenigstens Behinderungen bei Kindern werden durch Unfälle verursacht. Trotzdem werden viel mehr Unfall- als Kinderinvaliditätsversicherungen abgeschlossen. Letztere federn auch Krankheitsfolgen ab.Die Expertenmeinungen gehen auseinander. Ist eine Kinderunfallversicherung ausreichend oder empfiehlt sich eher eine Invaliditätsversicherung? Rund ein Prozent der Kinder in Deutschland ist schwerbehindert, bei einem Drittel davon ist die Behinderung angeboren. Mehr als die Hälfte der Fälle ist die Folge von Krankheiten. Eine Unfallversicherung deckt diese aber nicht ab.

Eine Kinderinvaliditätsversicherung dagegen springt weitgehend unabhängig von der Ursache der Behinderung ein, sobald das Versorgungsamt mindestens 50 Prozent Behinderung bescheinigt. Je nach Vertrag wird eine lebenslange monatliche Rente oder ein größere Sofortsumme ausbezahlt.

Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherschutzzentrale Baden-Württemberg, hält sie deshalb für sinnvoll. "Die Betreuung eines kranken Kindes kann sehr teuer sein, viele übernehmen sich da", sagt er. Die Familie brauche Geld, um einen gewissen Standard zu ermöglichen für die Pflege zu Hause, Betreuung im Heim oder den Umbau des Hauses. "Das Kind soll seinen Lebensweg gehen können, trotz Krankheit", sagt Grieble. Das Interesse an Absicherungen für Kinder sei groß, "das lässt niemanden kalt", weiß er aus den Beratungsgesprächen der Verbraucherzentrale. Deshalb werden häufig Unfallversicherungen abgeschlossen.

Aber: "150 000 Kinder sind invalide, davon nur ein sehr kleiner Teil durch Unfälle", sagt Grieble. Die Statistik gibt ihm recht. Auf Unfälle gehen insgesamt nur 0,45 Prozent der Behinderungen zurück. So weist auch das Statistische Bundesamt im Mikrozensus 2009 zum Beispiel für Vier- bis Sechsjährige eine Gesamtzahl von 14 300 Schwerbehinderten aus, davon 24 durch Unfälle und fast 8700 durch Krankheiten.

Das ist der Grund, warum auch Stiftung Warentest die Versicherung im Großen und Ganzen empfiehlt und in einer Studie schreibt: "Als Vorsorge für den Fall, dass ein Kind schwerbehindert wird, eignet sich die Kinderinvaliditätsversicherung am besten." Die Versicherung schließe die Lücken der öffentlichen Unterstützung. Allerdings weist das Institut auf die Kosten hin: Da die Versicherung mit zwischen 300 und 500 EUR jährlich zu Buche schlägt, ist die Police laut Finanztest-Urteil für Familien sinnvoll, "die nicht so knapp bei Kasse sind". Andernfalls lasse man das Geld besser dem Kind direkt zugute kommen. Eine Kinderunfallversicherung ist im Vergleich deutlich günstiger. Die ist bereits für 60 EUR im Jahr zu bekommen.

Der Bund der Versicherten (BdV) hält deshalb die Unfallversicherung für sinnvoller. Berater Timo Voss begründet das einerseits mit der geringen Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind invalide wird. "Die von Versicherungen in ihrer Werbung häufig genannten schrecklichen Krankheiten lassen zwar Elternherzen stillstehen, sind aber als Ursache von dauerhafter, schwerer Invalidität äußerst selten", sagt Voss.

Zudem gebe es Vertragsbedingungen, die den Wert einer Kinderinvaliditätsversicherung verringern. "Persönlichkeitsstörungen wie Psychosen sind meist ausgeschlossen, und das erste Lebensjahr ist oft nicht versicherbar", zählt der Experte auf. Der Ausschluss von angeborenen Krankheiten, bis vor wenigen Jahren noch üblicher Vertragsbestandteil, wurde inzwischen durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs aufgehoben. Unfälle und Krankheiten durch Bewusstseinsstörungen wegen suchterzeugender Mittel sind nirgends versichert, wie Stiftung Warentest feststellt. Gerade im Jugendalter - eine Kinderinvaliditätsversicherung gilt meist bis zum 18. Lebensjahr - sei das ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Der BdV weist außerdem darauf hin, dass die öffentlichen Hilfen für behinderte Kinder umfassend sind. Die mögliche Invaliditätsrente werde auf die öffentlichen Leistungen angerechnet. Voss empfiehlt die Kinderinvaliditätsversicherung deshalb "lediglich als Ergänzung".

Wer sich für diese Absicherung entscheidet, sollte die Police laut Stiftung Warentest möglichst früh abschließen. Der BdV empfiehlt, unbedingt darauf zu achten, dass kein höherer Grad der Behinderung als 50 Prozent erforderlich ist, denn schon das sei eine hohe Hürde.

Laut BdV sollte die Rente mindestens 1000 EUR im Monat betragen, eine Einmalzahlung bei 150 000 EUR liegen. Ob im Vertrag eine Einmalzahlung oder eine lebenslange monatliche Rente vereinbart werden soll, wird von Experten unterschiedlich beurteilt. Vorteil der Einmalzahlung ist, dass die ersten Kosten beispielsweise für den Umbau des Hauses, gedeckt sind.

Außerdem muss man das Geld nicht zurückzahlen, wenn das Kind wieder so gesund wird, dass der Schwerbehindertenstatus erlischt - möglich beispielsweise bei Kindern mit Leukämie oder Diabetes. Die Zahlung erfolgt steuerfrei, während die Rente versteuert werden muss. Aus diesen Gründen plädiert der BdV eher für die Sofortsumme.
© Südwest Presse 05.08.2013 07:45
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