Chefs in der Pflicht

Studie: Arbeitszufriedenheit hoch, aber Vorgesetzte müssen besser werden
  • Stress im Job muss nicht generell zu Unzufriedenheit führen. Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge belasten schlechte Vorgesetzte und mangelnde Einflussmöglichkeiten die Beschäftigten weitaus mehr. Foto: dpa
Viele Beschäftigte sind mit ihrer Arbeit zufrieden, doch es gibt Nachholbedarf. Vor allem das Verhalten vieler Führungskräfte führe zu Unzufriedenheit, meldet nun ausgerechnet die Arbeitgeberseite.Deutschlands Führungskräfte müssen besser werden: Anerkennung, Respekt und Motivation für Mitarbeiter kommt bei vielen Chefs zu kurz. Das ist das Ergebnis einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Demnach erfahren nur 69 Prozent der Beschäftigten zumindest manchmal Unterstützung durch ihren Chef. Im EU-Durchschnitt sind es dagegen 81 Prozent. "Auf die Führungskräfte kommt es an", sagte IW-Direktor Michael Hüther gestern bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Die Arbeitszufriedenheit sei für viele Beschäftigte entscheidender als die Bezahlung. Da wirke ein guter Chef Wunder.

Das Institut hat Daten der EU-Organisation Eurofund von 2000 Befragten in Deutschland ausgewertet. Hinzu kamen weitere inländische Daten aus den Jahren 2010 bis 2012. Demnach sind hierzulande 88 Prozent der Beschäftigten mit ihrer Arbeit zufrieden - ein über die Jahre weitgehend konstanter Wert. Deutschland liegt damit unter den 31 untersuchten Ländern an neunter Stelle. Spitzenreiter ist Dänemark, Schlusslicht Albanien. Das Ergebnis für Deutschland deckt sich in etwa mit Befunden der OECD. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte ermittelt, dass die Führungsqualität in Deutschland Mittelmaß ist.

Das IW widerspricht mit der Studie zur Zufriedenheit im Beruf Meldungen über die negativen Folgen von Stress, Leistungsdruck und anderen Belastungen am Arbeitsplatz. Dass laut Krankenkassen mehr Beschäftigte wegen psychischer Erkrankungen in Frührente gehen, führt das Institut darauf zurück, dass Depressionen und andere psychische Leiden häufiger diagnostiziert würden als früher. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hatte berichtet, viele Arbeitnehmer fühlten sich dadurch belastet, dass sie sich um mehrere Aufgaben gleichzeitig kümmern müssen. Termin- und Leistungsdruck sowie ständige Unterbrechungen stressen demnach einen großen Teil der Beschäftigten.

Dem widerspricht Hüther: "Es kann keine Rede davon sein, dass sich die Arbeitsbedingungen in den vergangenen Jahren systematisch verschlechtert haben." Viele Mitarbeiter hätten unter Stress und Zeitdruck Spaß an der Arbeit. Studienleiter Oliver Stettes schränkte ein, das gelte zumindest zeitweise, etwa in Projektphasen. "Stress wirkt sich negativ aus, wenn er auf Dauer zur Überlastung führt."

Geld spielt laut der Studie bei den deutschen Beschäftigten keine so große Rolle wie in vielen Ländern Südeuropas. 82 Prozent derjenigen, die finden, dass sie zu wenig verdienen, sind trotzdem mit ihrer Arbeit zufrieden. Bei denen, die mit ihrem Gehalt zufrieden sind, sind es zwar 95 Prozent, der Unterschied ist in vielen Ländern aber größer. "Ein hohes Gehalt, gute Karrierechancen und ein sicherer Arbeitsplatz sorgen dafür, dass die Beschäftigten zufrieden sind", sagte Hüther.

Unzufriedenheit im Job entstehe dagegen vor allem aus geringer Teilhabe an Entscheidungen, ausbleibendem Feedback, schlechter Arbeitsorganisation und mangelndem Respekt sowie mangelnder Unterstützung durch Vorgesetzte.

Wichtig für die Zufriedenheit der Arbeitnehmer sei entsprechend die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, etwa auf die Organisation von Arbeitsabläufen, die Wahl der Teamkollegen und auf Zielvereinbarungen. Vielen Firmen sei die entscheidende Rolle der Chefs bewusst, meldet das IW. Etwa die Hälfte der Unternehmen trainierten ihre Führungskräfte.
© Südwest Presse 02.07.2013 07:45
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