Erhalten ist nicht so sexy wie neu bauen

Prof. Karl-Hans Hartwig vom Institut für Verkehrswissenschaft der Universität Münster sieht Probleme der Verkehrswege vor allem politisch begründet.Langsamfahrstrecken bei der Bahn, defekte Schleusen und Straßensperrungen - Prof. Hartwig, woran liegt es, dass die deutsche Infrastruktur abbaut?

KARL-HANS HARTWIG: Das hat damit zu tun, dass seit Jahrzehnten zu wenig in die Straßen, Schienen und Wasserstraßen investiert wurde. Der Anteil der öffentlichen Ausgaben am Staatshaushalt ist sukzessive zurückgegangen.

Wie konnte das passieren in einem Land, dessen Wirtschaft auf gute Verkehrswege angewiesen ist?

HARTWIG: Nun, zum einen konkurrieren mittlerweile viele Haushalte im Bund miteinander. Der Slogan "Bildung statt Beton" drückt das eigentlich ganz gut aus. Und dann ist das auch sehr stark politisch begründet. Die Bevölkerung liebt sichtbare Maßnahmen, denkt sehr gegenwartsorientiert und nicht besonders langfristig. Ein Neubau ist attraktiver als Investitionen in bereits Bestehendes. Oder: Der Erhalt von Infrastruktur ist nicht sexy. So haben Viele lange gedacht.

Tun sie das denn noch immer?

HARTWIG: Das hat sich geändert. Der Erhalt hat nun Vorrang vor Neubauten. Das steht so im neuen Bundesverkehrswegeplan. Man muss ja auch sehen: Wenn man zu spät investiert, steigen die Kosten für den Erhalt überproportional.

Angesichts eines absehbar weiter steigenden Verkehrsgüteraufkommens in Deutschland stellt sich auch die Frage, ob der Erhalt des bestehenden Netzes alleine ausreicht.

HARTWIG: Das ist vollkommen richtig. Deshalb würde ich gucken, wo die Engpässe sind und mich dort zunächst auf den Erhalt und Ausbau konzentrieren. Als Beispiel: Die ICE-Trasse von München in den Osten der Republik ist ein prestigebezogenes Projekt: Geschwindigkeit im Personenverkehr. Der Schienengüterverkehr aber wächst viel rasanter. Da müssen auch andere Prioritäten getroffen werden.

Was wäre denn Ihrer Meinung nach die Ideallösung, um die Verkehrsinfrastruktur hierzulande zu regeln?

HARTWIG: Wir bräuchten eine Gesellschaft zur Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur, die aus dem Haushalt rausgenommen wird. In Österreich gibt es eine solche Gesellschaft bereits. Die muss sich selbst finanzieren und die eingenommenen Mittel gezielt einsetzen und verteilen. Um eine Nutzerfinanzierung, etwa über eine Pkw-Maut, kommen wir da nicht rum.
© Südwest Presse 20.06.2013 07:45
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