Bröckelndes Fundament

Überlastetes Verkehrsnetz bereitet Unternehmen im Südwesten Sorge
Die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland ist in die Jahre gekommen und verfällt zunehmend. In Baden-Württemberg mit seiner exportabhängigen Industrie bereitet das vielen Unternehmen Probleme."Beklagenswert." So lautet das Urteil von Walter Otlinghaus, wenn er über den Zustand von Straßen und Brücken in Deutschland spricht. Otlinghaus ist Spediteur für Schwertransporte. Meist bewegt seine Firma Lasten bis 50 Tonnen. Doch auch für dieses "leichte Segment" seien Brücken, die bis 70 Tonnen ausgelegt sein sollten, teilweise nicht mehr befahrbar. Für Transporte ab diesem Gewicht müssten dann Alternativstrecken gesucht und Umwege gefahren werden. "Da fängt es an, richtig kompliziert zu werden", sagt er. Da wird das deutsche Straßennetz zum Labyrinth.

"Unser Verkehrsnetz verliert jeden Tag 13 Mio. EUR an Wert", sagt Thomas Hailer, Geschäftsführer des Verkehrsforums Deutschland. 1,1 Billionen EUR seien die hiesigen Straßen, Schienen und Wasserwege insgesamt wert. "Wir sind zu lange auf Verschleiß gefahren." Das zeigen auch Ergebnisse der von der Verkehrsministerkonferenz eingesetzten Kommission "Zukunft der Verkehrsinfrastruktur-Finanzierung". Danach haben 20 Prozent der Autobahnstrecken und 41 Prozent der Bundesstraßen den "Warnwert", der die Notwendigkeit dringender Reparaturen anzeigt, erreicht.

4,4 Mrd. Tonnen wurden 2011 im gewerblichen Güterverkehr transportiert, mehr als drei Viertel davon über die Straße - trotz vom ADAC ermittelter 595 000 Kilometer Stau. Dass das so ist, liegt auch daran, dass die Bahn oft keine Option ist.

Manfred Tries würde die Schiene gerne nutzen. Aber sein Unternehmen, der Hydraulik-Spezialist Tries, ist in Ehingen vom Schienengüterverkehr abgeschnitten. So muss eine Spedition täglich die Bundesstraße nehmen - die er wegen des Verkehrsaufkommens nicht mehr fährt. "Wenn nicht ausgebaut wird, werden wir abgehängt", sagt er.

Aber auch dort, wo Anschluss besteht, gibt es Probleme: "Güterzüge stauen sich vor und in den großen Bahnknoten, weil die Zulaufstrecken und die Knoten unterdimensioniert sind", klagt Peter Kulitz, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages (BWIHK). Das führe zu Unpünktlichkeit und Brüchen in den Produktionsketten. Dabei seien Mobilität und Erreichbarkeit essenziell für eine Exportnation. Das gelte "besonders für Baden-Württemberg mit seiner starken Industrie".

"Es gibt an vielen Stellen des Netzes Störungen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie, Ronald Pörner. Veraltete Stellwerke nennt er stellvertretend. 35 Prozent der 3440 Stellwerke hierzulande seien im Schnitt 93 Jahre alt. Nimmt man noch die über 1000 Stellen im Streckennetz, die nicht mit regulärer Geschwindigkeit befahrbar sind, ist klar, dass es auch auf der Schiene Stau gibt.

"Wir sind auf einigen Strecken an der Kapazitätsgrenze", sagt Pörner - zum Beispiel auf dem wichtigen sogenannten "Rheinkorridor", der den Rotterdamer Hafen, den größten Europas, mit dem Südwesten verbindet. Schon heute gibt es teils enorme Engpässe - dabei soll der Schienengüterverkehr bis zum Jahr 2025 laut Bundesregierung um 65 Prozent zunehmen.

Aber auch die Wasserwege sind keine Alternative. "Jeden Tag hoffen wir, dass die Dinger halten", sagt Eberhard Weiß. Er ist Hafendirektor in Plochingen - und mit den "Dingern" meint er die 27 Neckarschleusen bis zur Rheinmündung in Mannheim. 26 von ihnen sind überaltert und zu klein. Schiffe, die heute Container und Massengut durch die Republik fahren, haben eine Standardlänge von 135 Metern, die Neckarschleusen aber nur 105 Meter.

Wären die Schleusen größer und moderner, könnten "in den Häfen von Stuttgart und Plochingen je 500 Prozent mehr Güter umgeschlagen werden", sagt er unter Berufung auf ein Gutachten des Landes. So wird eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen der Republik abgekoppelt.

Infrastruktur heißt im übertragenen Sinne Unterbau. Hierzulande war und ist dieser Unterbau das Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs. Es bröckelt aber. Noch sei Deutschland in der Weltspitze, sagt Verkehrsforums-Geschäftsführer Hailer. "Aber wir müssen aufpassen, diese Position nicht zu verspielen." Laut Weltbank fiel der Logistikstandort Deutschland im vergangenen Jahr auf den vierten Rang zurück - nach Platz eins in 2010.

Auf 15 Mrd. EUR schätzt Hailer den jährlichen Bedarf an Investitionen in Straßen, Schienen und Wasserwege des Bundes - um sie im jetzigen Zustand zu erhalten. Im vergangenen Jahr wurden 10,4 Mrd. EUR investiert - mehr als 4 Mrd. EUR zu wenig. Das bringt "die Wettbewerbsfähigkeit und die Wachstumschancen der deutschen Wirtschaft in Gefahr", sagt BWIHK-Präsident Kulitz.
© Südwest Presse 20.06.2013 07:45
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