Delle oder lange Talfahrt?

Börsen rutschen ins Minus - Unsicherheit über die Rolle der Notenbanken
  • Da half dem Makler der Schirm nicht viel weiter: Vor allem an der japanischen Börse brach der Leitindex gestern ein. Foto: dpa
Lange Gesichter bei den Aktionären: Weltweit begaben sich die Börsenkurse auf Talfahrt. Die verunsicherten Anleger fragen sich, ob der aktuelle Trend vorübergeht oder ob er anhalten wird.Nach der jüngsten Rekordjagd wird die Luft an den Börsen allmählich dünn. Jede Unsicherheit führt umgehend zu Verkäufen. Gestern gingen die Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt, der deutsche Leitindex Dax rutsche erstmals seit Anfang Mai vorübergehend wieder unter die Marke von 8000 Punkten. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema:

Geht es nach einer kleinen Kurskorrektur wieder bergauf, oder ist die Trendwende eingeläutet? Was hat die Talfahrt ausgelöst? Börsianer verweisen auf die gesenkten Wachstumsprognosen der Weltbank. Zudem geht an den Märkten die Angst vor dem Ausstieg der Notenbanken aus der Politik des billigen Geldes um. In der Krise hat die Geldpolitik Milliarden in die Märkte gepumpt und die Zinsen auf Rekordtief gehalten. Das hat alternative Anlagen unattraktiv gemacht und die Menschen in Aktien getrieben.

Die bange Frage lautet nun: Wann beginnen die Währungshüter, den Geldhahn zuzudrehen? Sind Kursrückgänge programmiert? Nein, nicht zwangsläufig. Die Spekulation über den künftigen Kurs von Europäischer Zentralbank und US-Notenbank Fed werde ein wichtiger Faktor für die Kursentwicklung an den Aktienmärkten bleiben, schreibt Helaba-Expertin Claudia Windt: "Insofern kommt es gegenwärtig darauf an, dass insbesondere in den USA die Konjunkturdaten zwar robust genug ausfallen, um neue Wachstumsängste zu verhindern. Sie dürfen auch nicht zu stark sein, denn sonst droht ein früheres Ende der quantitativen Lockerungsmaßnahmen." Gemeint ist damit die Notenbank-Politik des billigen Geldes. Dabei dürfe allerdings die Bedeutung der Geldpolitik auch nicht überschätzt werden, denn für die Aktienkurse ist die Gewinnentwicklung der Unternehmen mindestens genauso wichtig. Aktuell seien Aktien angemessen bewertet. Für einen weiteren Kursanstieg müssten sich die Ertragsperspektiven der Unternehmen sichtbar verbessern.

Sind die Reaktionen an den Aktienmärkten übertrieben? Sie fallen zumindest heftig aus. Der Dax rutschte gestern vorübergehend unter die 8000-Punkte-Marke. Zur Erinnerung: Erst am 22. Mai war der Leitindex im Tagesverlauf auf sein Allzeithoch von 8557 Punkten geklettert. Das Schlusshoch lag am gleichen Tag bei 8530. Auch der Nikkei, der Index der japanischen Börse, hatte am 22. Mai bei 15 627 Punkten ein Rekordhoch erreicht, getrieben von der beispiellosen Geldschwemme der japanischen Notenbank. Doch die Wirkung der lockeren Geldpolitik in Japan scheint bereits verpufft. Allein gestern sackte der Nikkei-Index um 6,35 Prozent auf 12 445 Punkte. Klar ist: Wer in der jüngsten Kursrally früh eingestiegen ist, kann bei jeder Unsicherheit oder enttäuschenden Konjunkturzahl schnell aussteigen und Gewinne mitnehmen.

Ist der Dax-Höhenflug nun vorbei? Das kann niemand wissen. Fakt ist: Die Geldflut der Notenbanken ist ein wichtiger Grund für die Kursrally der vergangenen Wochen und Monate. Und an einen raschen Ausstieg aus dieser Politik ist angesichts der schwachen Konjunktur derzeit weder bei der Fed noch bei der EZB zu denken. Peter Fehrenbach vom Vermögensmanagement EuroSwitch sieht auf den Aktienmärkten sogar noch Luft nach oben: "Sicherlich können die Börsen in den nächsten Monaten noch volatil sein, doch schaut man sich die Aktienmärkte aus einer längerfristigen Perspektive an, dann muss einem bei den heutigen Börsenständen nicht schwindelig werden."
© Südwest Presse 14.06.2013 07:45
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