Exportierte Bierkultur

Seit mehr als 25 Jahren bildet das Ulmer Brauerinternat auch Namibier aus
Deutsches Brauerhandwerk ist weltweit gefragt. In Ulm lernen zurzeit zwei junge Männer aus Namibia einiges über das Reinheitsgebot und die Braukunst. Das Brauerinternat gibt es seit 50 Jahren.Für Wole Ujaha (31) und Gabriel Wakalenda (24) aus Namibia war es ein thermischer Schock als sie am 10. Dezember in Frankfurt gelandet sind. "Wir sind bei 38 Grad daheim losgeflogen und kamen bei minus 10 Grad an", sagt Wolle und schüttelt sich bei der Erinnerung daran. Die zwei Jungbrauer aus Namibia wussten zwar, dass es in Europa und vor allem in Deutschland im Winter kälter als in Afrika ist, diese Temperaturen hätten sie aber nicht erwartet. Die Kleidung, die sie dabei hatten, war für solche Witterungsverhältnisse nicht ausgelegt. "Als sie aus dem ICE in Ulm ausgestiegen sind, haben sie am ganzen Leib gezittert. Wir haben also zuerst dicke Jacken für sie gekauft", sagt Manfred Rudolph und schmunzelt.

Rudolph leitet das Brauerinternat in Ulm. Eins von nur insgesamt vier in Deutschland. In diesem Jahr feiert es sein 50. Jubiläum. Hier kommen die Brauerlehrlinge zusammen, die ihren theoretischen Blockunterricht in der vor 70 Jahren gegründeten Berufsschule für Brauer haben. Zurzeit wohnen 52 von ihnen im Internat, in der Schule gibt es 160 Schüler, darunter sind 15 Meisteranwärter. Nebenan lernen die Schornsteinfeger, auch Betonbauer absolvieren hier ihre theoretische Ausbildung.

Vor über 25 Jahren kamen die ersten jungen Brauer aus Namibia nach Ulm. Der Kontakt habe sich zufällig ergeben, sagt Rudolph. Der Ulmer Brauerschule und dem Internat eile ein guter Ruf voraus. Außerdem ist der deutsche Berufsabschluss als Brauer international anerkannt und wegen seiner Qualität begehrt.

Wolle und Gabriel haben drei Jahre in Namibia bei der Namibian Brewery in Windhoek gelernt. Vor allem die Praxis stand dabei im Vordergrund. Das vierte Lehrjahr absolvieren die Namibier nun in Ulm. Hier geht es vor allem um die Theorie des Bierbrauerhandwerks. Es gibt aber auch ein fünfwöchiges Praktikum in einer Mälzerei.

Ein Jahr lang haben sie vor ihrer Reise nach Europa Deutsch gelernt. Nebenher, wie sie sagen. Das heißt, oft nach der Arbeit. Anfangs hatten sie Schwierigkeiten, Deutsch zu sprechen und zu verstehen. Mittlerweile gelingt es ihnen ganz gut. Das muss es auch, betont Rudolph, der sich um die zwei jungen Männer auch in seiner Freizeit kümmert und sie zu Weihnachten oder Ostern zu sich nach Hause eingeladen hat. Die Namibier müssen ihren Ausbildungsteil in Deutschland erfolgreich als Geselle zum Brauer und Mälzer abschließen, sonst müssen sie die Kosten, die ihre Heimatbrauerei für sie übernimmt, zurückzahlen. Nach der Ausbildung verpflichten sie sich, auch drei Jahre in der Brauerei zu bleiben. Die Prüfung ist im Juli. Bis dahin bleiben sie auch in Ulm. Wolle freut sich schon auf seine Rückkehr nach Namibia. Zu Hause warten seine zwei Kinder auf ihn. "Außerdem ist es mir in Deutschland zu kalt", sagt er lächelnd. Als er und Gabriel in Ulm ankamen, haben sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen. Nach fünf Tagen hatten sie aber bereits genug davon.

In der heimischen Brauerei in Namibia sind alle Maschinen, Geräte, Filter und Rohstoffe aus Deutschland. Windhoek Draught und Lager sind die bekanntesten Biere ihrer Heimatbrauerei, etwa 500 Menschen arbeiten dort und produzieren 2 Mio. Hektoliter Bier im Jahr. Der Beruf des Brauers ist in Namibia sehr begehrt. Um ihn gut zu machen, muss man viel wissen, sagt Wolle, aber auch "die Leidenschaft für das Bier" haben. Unterschiede zu Deutschland gebe es aber schon. Während hierzulande viele kleine Brauereien Bier mit eigener Geschmacksnote brauen, soll das süffige Getränk in Namibia immer gleichbleibend schmecken. Das Bier ist bitterer und enthält weniger Alkohol. "Wegen der Hitze", sagt Gabriel mit einem Augenzwinkern.

Wole und Gabriel sind begeistert von den vielen Kneipen in Deutschland, die oft selbstgebrautes Bier ausschenken. Auch die Einkaufsmöglichkeiten in Ulm gefallen ihnen gut: Sie haben bereits ausgiebig geshoppt. Wole hat sich mehrere paar Schuhe gekauft. "Mit meiner Größe 46 finde ich in Namibia keine guten Schuhe. Die Leute dort sind einfach kleiner." Er lässt sich oft Schuhe aus dem Ausland bringen. Jetzt konnte er selbst welche aussuchen.

Die Namibier loben die ICE-Züge und sind überrascht darüber, dass das Taxifahren in Deutschland so teuer ist: "Bei uns ersetzt das Taxi andere Transportmittel", sagt Gabriel. "Jeder kann es sich leisten."
© Südwest Presse 17.04.2013 07:45
644 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?