Spendables Netz

Im Internet geben Fans Geld für Schulbücher, Filme und Reisen
  • Für den Film Stromberg haben 3000 Investoren 1 Mio. Euro gesammelt. Dabei erwarben die Fans eine Beteiligung an den Erlösen. Foto: Brainpool/Willi Weber
Wer eine Idee, aber kein Geld zur Verwirklichung hat, findet möglicherweise im Internet Sponsoren. Auf Plattformen lässt sich Geld für kulturelle, ideelle, touristische und wirtschaftliche Projekte sammeln.Wie eine fleischfressende Pflanze ein Insekt fängt, lässt sich mit Worten beschreiben, in einem Foto abbilden oder mit einer Zeichnung illustrieren. Ein kleiner Film zeigt es aber noch eindrucksvoller. Letzteren wünschen sich Hans Wedenig und Heiko Przyhodnik. Der Lehrer und der Geschäftsführer möchten das erste elektronische Biologiebuch Deutschlands ohne Urheberrecht verlegen - zur freien Verwendung. Geschätzte Kosten: 10 000 EUR. Das Besondere dabei ist aber nicht das Vorhaben, sondern die Finanzierung. Das Geld für das Buch soll von Interessierten stammen, die dafür jeweils zwischen 5 EUR und 1000 EUR geben. Reich werden die Geldgeber nicht: Als Gegenleistung gibt es je nach bezahltem Betrag nur ein Dankeschön, eine Postkarte oder eine Schulbuchwidmung.

Crowdfunding (Gruppenfinanzierung) heißt die immer populärere Art, Geld für Projekte im Internet zu sammeln. Die Vorhaben fangen bei 500 EUR für Künstleraktionen an und hören bei 100 000 EUR für den Bau eines Profi-Kamerakrans noch lange nicht auf. So stammten 900 000 EUR der 2012 in die Kino gekommenen 7,5 Mio. EUR teuren Parodie "Iron Sky" von Fans. Nach der gezeigten Geschichte über Nazis auf dem Mond läuft deshalb auch ein sehr, sehr langer Abspann mit den Namen der vielen Unterstützer. Die Fans hatten sich auch mit Drehbuchvorschlägen beteiligt, heißt es.

3,3 Mio. Dollar sammelten die Entwickler des Computerspiels "Monkey Island" und 10,2 Mio. Dollar die Hersteller einer Uhr, die Smartphone-Infos anzeigt. Wer Geld für die Wiederbelebung der alten Uhrenmarke "DuBois et fils" gibt, bekommt 70 Prozent Nachlass auf Modelle. Es gibt auch Journalisten, Blogger und Autoren, die sich ihre Projekte so finanzieren lassen. Ein Film über Crowdfunding wird gefördert - durch die neue Art des Mäzenatentums selbst.

"Crowdfunding ist nicht dazu da, Geld zu verdienen", stellt Anna Theil von der größten deutschen Plattform "Startnext" klar. "Bei uns gibt es viele künstlerisch-ideelle Projekte." Studenten und Musiker mit wenig Geld hätten so die Möglichkeit, Aktionen oder CDs zu verwirklichen. Für Theil ist Crowdfunding auch eine Möglichkeit, den Kulturkonsumenten in die Ideenentwicklung mit einzubinden und "eingeschliffene Wege" der Kulturförderung zu verlassen. Während hierzulande 90 Prozent der Kulturförderung die öffentliche Hand übernimmt und 10 Prozent privat gefördert wird, ist es in den USA anders herum. "Wir ersetzen die staatliche Finanzierung aber nicht, sondern ergänzen sie", sagt Thiel. Andere deutsche Finanzierungsplattformen heißen "Inkubato", "Pling", "Visionbakery" und "MySherpas".

Touristen haben ebenfalls Chancen. Eine 23-Jährige wandert etwa in Island und kämpft sich über Schotterpisten, durch Nieselregen und Wind und zeigt mit Fotos und Videobildern von ihren Gefühlen, als sie einem Polarfuchs begegnet und sich fast verläuft. Die 1500 EUR für die Reise stammen von 48 überwiegend Fremden, denen sie dafür Logbuch-Einträge, Postkarten oder einen Video-Tanz zukommen lässt. Am Ende stellt die Crowdfunding-Reisende eine 15-minütige Dokumentation der Reise online. Unbekannte Förderer schreiben E-Mails wie: "Ich würde das gerne auch machen, aber ich kann nicht weg" und "Mach du das für mich."

Es gibt aber auch soziale, wissenschaftliche und politische Projekte. Die deutsche "Betterplace.org" unterstützt Aufzuchtstation für Elefantenwaisen oder verhilft Berliner Kindern zu einer Sommerfreizeit. Insgesamt 333 000 Spender verwirklichen 4600 Projekte. US-Präsident Barack Obama verdankt seine Wiederwahl auch dem Geld aus seinem Crowdfunding.

"Startnext" überlegt, 2013 auch kommerzielle Projekte zuzulassen - ein so genanntes Crowdinvestment (Gruppeninvestition). Die Plattformen "Bestbc.de" und "My Business Backer" beteiligen Geldgeber am Gewinn, wie es auch bei der Filmproduktion "Stromberg" der Fall ist.

Bei Startnext geben die Förderer im Schnitt 70 EUR. Seit dem Start im Oktober 2010 wurden bis Juni 220 Projekte für 780 000 EUR gesponsert. 100 Prozent der Unterstützungsgelder gehen an die Projektinitiatoren.

Das Durchschnittsalter der Geber und Nehmer liegt laut Theil "irgendwo zwischen 20 und 40 Jahren", Ältere gibt es wenig. Dies könnte sich durch das Engagement von Dieter Hildebrandt vielleicht ändern: "stoersender.tv" will den Kabarettisten in einem TV-Magazin 20 mal auftreten lassen. Ein Drittel der 125 000 EUR sind zusammen, allerdings läuft das Geldsammeln noch.

Denn das ist auch eine Besonderheit von Crowdsourcing: Die Projekte sind zeitlich begrenzt. Wenn das anvisierte Geld in der Laufzeit nicht zusammenkommt, kommt die Aktion nicht zustande und die Euro werden an die Spender zurückgezahlt. So sieht es beim elektronischen Schulbuch nicht so gut aus. "Bislang ist zu wenig Geld zusammen gekommen", sagt Wedenig. "

Sebastian Jansen, der der seinen Abschluss-Film "Das Mädchen von Kasse 2" finanzieren lässt, steckt "viel Arbeit" in das Geldeintreiben. "Der Vorteil ist, dass man bereits vor Veröffentlichung des Filmes Fans hat, die wiederum Werbung machen. Crowdfunding sei "mit harter Arbeit verbunden".
© Südwest Presse 27.12.2012 07:45
748 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?