Ökonomische Grundbildung fehlt

DAI-Chefin Bortenlänger: Finanzkrise, Skandale und Steuerlast schrecken Aktiensparer ab
  • Christine Bortenlänger leitet seit September das Deutsche Aktieninstitut. Ihr Aktiendepot managt sie selbst. Foto: © 2012 Kien Hoang Le / Agentur Focus
Deutsche Verbraucher benötigen eine bessere wirtschaftliche Grundausbildung, sagt Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts. Für die Geldanlage an der Börse gebe es gute Gründe.Das Aktienjahr 2012 ist alles andere als schlecht gelaufen.

DR. CHRISTINE BORTENLÄNGER: Absolut. Zum einen weil die Zahl der Aktionäre in Deutschland zum zweiten Mal in Folge gestiegen ist. Zum anderen weil sich die Aktienkurse sehr erfreulich entwickelt haben. Ein Plus im Deutschen Aktienindex Dax von knapp 30 Prozent kann sich sehen lassen. Das ist ein gutes Gefühl.

Trotz des Anstiegs: Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist im Vergleich zum Ausland immer noch überschaubar.

Gut ist, dass mehr und mehr Privatanleger verstehen, dass die Aktie ein wichtiges Instrument in einer Volkswirtschaft ist. Man fährt gerne BMW, VW oder Mercedes, nutzt Produkte der Deutschen oder der Commerzbank, kauft ein Waschmittel von Henkel und weiß, dass man sich an diesen Firmen beteiligen kann. Viele verstehen, dass Aktien eine stabile und realistische Rendite bieten und Schutz vor Inflation. Im Vergleich zum Ausland gibt es aber viel zu wenig Aktionäre.

Warum?

Anleihen werden vom Staat steuerlich bevorzugt. Verständlich: Der Bund refinanziert sich über Anleihen und dies derzeit so günstig wie nie zuvor. Sie gelten als sicher, obwohl die Schuldenkrise die Risiken zeigt. Zudem fürchten viele Anleger, dass sie bei Aktien nach dem starken Kursanstieg in diesem Jahr zu spät dran sind. Und kaufen deshalb nicht.

Umgekehrt sind Aktien zu stark belastet, oder?

Die Abgeltungssteuer ist zu hoch, es gibt keine Spekulationsfristen mehr. Nicht einmal der, der Aktien zwei oder fünf Jahre hält, kann mögliche Kursgewinne steuerfrei mitnehmen. Der Staat behält rund 28 Prozent für sich. Das alles begrenzt die Zahl der Aktionäre.

Wie viele Aktionäre sollte es in Deutschland geben?

Aktuell zählen wir etwas mehr als 10,2 Mio. Menschen (knapp 16 Prozent der Bevölkerung), die direkt oder indirekt über Fonds Aktien besitzen. Selbst wenn sich die Zahl verdoppeln würde, sind wir noch nicht da, wo die USA stehen. Gäbe es mehr deutsche Aktionäre, dann würde ein größerer Anteil der Dividenden, allein bei den 30 Dax-Firmen in diesem Jahr 28 Mrd. EUR, in Deutschland bleiben, wieder in Aktien investiert werden oder auch in den Konsum fließen. Bei vielen deutschen Unternehmen liegt die Mehrzahl der Aktien bei ausländischen Anlegern. Die Rendite, die die Firmen erwirtschaften, landet zum überwiegenden Teil jenseits der deutschen Grenze.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik Verbesserungen im Auge hat.

Nein. Im Gegenteil: Jetzt soll auch noch die Finanztransaktionssteuer kommen. Die bezahlt der Anleger, weil sie wie jede Umsatzsteuer von den Börsen und den Banken weitergegeben wird, egal ob Aktien direkt oder indirekt über Fonds gekauft werden. So wie der Konsument beim Kauf der Waschmaschine die Mehrwertsteuer bezahlt. Die Finanztransaktionsteuer trifft in allererster Linie den Privatanleger, der die Krise nicht einmal im Ansatz verursacht hat. Das Argument, man müsse so die Schuldigen an den Kosten für die Krise beteiligen, wird so zum Treppenwitz.

Sie waren lange Chefin der Münchener Börse. Tun die Börsen genug für das Ansehen der Aktie?

Ja. Der Privatanleger kann etwa den ganzen Tag am Handel teilnehmen und so auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Alle wichtigen Informationen sind über das Internet verfügbar. Als ich 1986 eine Banklehre gemacht habe, hieß es in der Filiale: Haben wir heute schon Kurse? Oder es gab nur die Kurse vom Vortag. Order wurden in Papierform aufgenommen und meist erst am nächsten Tag ausgeführt. Das war 1986. Also nicht vor Urzeiten.

Machen die Unternehmen genug?

Auch ein Privatanleger kann heute in der Investor Relations-Abteilung eines Unternehmens anrufen und Fragen stellen. Das zeigt, dass sich die Firmen gegenüber dem Anleger geöffnet haben.

Jüngste Ereignisse bei Thyssen-Krupp oder der Deutschen Bank lassen Zweifel an seriösem Handeln aufkommen.

Wir stecken mitten in der Vertrauenskrise. Solche Nachrichten helfen nicht. Man kann verstehen, dass die Menschen auf der Straße den Kopf schütteln. Wir brauchen starke positive Signale und nicht mehr solche Nachrichten. Manche Werte scheinen abhanden gekommen zu sein. Aber auch die Verunsicherung durch die Euro-Schuldenkrise und über ihre Bewältigung hilft nicht. Auch die Politik ist gefragt.

Ist den Bundesbürgern bewusst, welche Rolle die Aktie für die private Altersvorsorge spielen kann?

Nein. Wenn man auf große Familienvermögen schaut, dann wurde dort über Jahrzehnte erfolgreich in Aktien investiert. Es gibt kurzfristige Schwankungen, aber über längere Zeiträume von zehn und mehreren Jahren bringt die Aktie im Schnitt durch Kurssteigerungen und Dividenden einen durchaus ansehnlichen Zuwachs.

Warum werden solche Vorteile nicht wahrgenommen?

Wir brauchen eine erheblich bessere ökonomische Grundausbildung. Schulen und Lehrer müssen in die Pflicht genommen werden. Die Menschen brauchen eine Lebenskompetenz auch in ökonomischen Fragen. Was ist eine Aktie, was eine Lebensversicherung, wie funktioniert ein Kredit, welche Risiken gibt es. Aber leider gibt es in diesem Feld in der Politik, im Bund und auch in den Bundesländern keinerlei Bewegung.

Ich nehme an, Sie haben ein Aktiendepot. Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrem Berater gesprochen? Oder managen Sie Ihr Depot selbst?

Natürlich mache ich das selbst. Was nicht gegen Berater spricht. Da gibt es wie überall gute Experten und jene, bei denen man vorsichtig sein sollte. Jeder Kunde sollte für sich entscheiden, ob er den richtigen Berater gefunden hat. Wenn er unbefriedigende Antworten bekommt, sollte er die Bank oder Sparkasse wechseln. Es gibt genug Geldinstitute in Deutschland.
© Südwest Presse 27.12.2012 07:45
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