Wachstumsmotor stottert

Deutschlands Wirtschaftsleistung steigt nur leicht - Rezession in Euroland
Europas Konjunkturlokomotive Deutschland verliert an Fahrt. Zwar ist die Wirtschaft trotz Schuldenkrise nochmals gewachsen. Doch Experten sind überzeugt: Das wird sich zum Jahresende nicht wiederholen.Die Schuldenkrise im Euroraum würgt den deutschen Wachstumsmotor langsam ab. Verunsicherte Unternehmer stellen Investitionen zurück, die Exportwirtschaft leidet unter der schwachen Nachfrage aus rezessionsgeplagten Euroländern.

Dennoch haben Außenhandel und der starke Konsum im Inland die deutsche Wirtschaft nochmals getragen, die Dynamik lässt aber spürbar nach: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im dritten Quartal 2012 nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Nach einem überraschend rasanten Jahresstart geht der Konjunkturlokomotive Deutschland allmählich die Puste aus.

Das schwächt auch den Euroraum: Erstmals seit drei Jahren ist die Eurozone wieder in die Rezession geschlittert. Im dritten Quartal schrumpfte die Wirtschaftsleistung in den 17 Euroländern verglichen mit dem Vorquartal zum zweiten Mal nacheinander. Sie sank um 0,1 Prozent nach minus 0,2 Prozent zuvor. Volkswirte sprechen von einer Rezession, wenn das Wirtschaftswachstum in mindestens zwei Vierteljahren in Folge negativ ausfällt.

Immerhin: Deutschland schlägt sich etwas besser als von Ökonomen erwartet. Bankvolkswirte hatten im Schnitt nur mit einem Mini-Plus von 0,1 Prozent gerechnet. Der Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, Alexander Krüger, sagte, es sei ein Erfolg, dass die Wirtschaftsleistung trotz der schwächeren Weltkonjunktur und der anhaltenden Schuldenkrise bisher beständig zugenommen habe.

Für das Schlussquartal deutet sich aus Sicht von Ökonomen nun jedoch eine weitere merkliche Eintrübung der Konjunktur an. Gustav Horn vom Düsseldorfer Institut für Makroökonomie (IMK) warnt sogar: "Die Rezessionsgefahr für die deutsche Wirtschaft steigt." Die Postbank erwartet im Schlussquartal ein Minus der Wirtschaftsleistung von 0,2 Prozent. Die Staatsschuldenkrise werde die Ausfuhren weiter belasten. Positive Wachstumsimpulse erwarte sie erneut vom privaten Konsum.

Konjunkturtreiber im dritten Vierteljahr waren die Exporte sowie der private und staatliche Konsum. Außerdem wurde mehr in Bauten investiert. Hingegen gingen die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge gegenüber dem Vorquartal erneut zurück.

Die deutsche Wirtschaft leide offensichtlich an der Unsicherheit, die von der Staatsschuldenkrise ausgeht, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Lage. "Dafür spricht, dass die Unternehmen ihre Investitionen seit der Jahreswende senken."

Auch die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft Frankreich wuchs im dritten Quartal leicht - zur Überraschung von Experten. Von Juli bis September erhöhte sich das BIP zum Vorquartal um 0,2 Prozent. Volkswirte hatten mit einer Stagnation gerechnet. Die südeuropäischen Krisenländer stecken unterdessen weiter in der Rezession fest. Die italienische Wirtschaft schrumpfte im dritten Quartal um 0,2 Prozent zum Vorquartal und verharrt seit nunmehr fünf Quartalen im Abschwung. In Spanien betrug das Minus im dritten Vierteljahr 0,3 Prozent, in Portugal 0,8 Prozent.

Im Vergleich zum Vorjahresquartal legte die gesamte Wirtschaftsleistung in Deutschland um 0,4 Prozent zu. Allerdings gab es in diesem Jahr einen Arbeitstag weniger. Bereinigt um diesen Effekt ermittelte das Statistische Bundesamt einen Zuwachs von 0,9 Prozent.
© Südwest Presse 16.11.2012 07:45
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