"Vorstand kann nicht jeder"

Vergütungsexperte Kramarsch: Manche Summen schwindelerregend
  • Michael H. Kramarsch. Foto: Alexandra Lechner
Die Diskussion um Managergehälter reißt nicht ab. Der Unternehmensberater Michael H. Kramarsch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Er plädiert im SÜDWEST-PRESSE-Interview für eine Obergrenze.Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland geht auseinander. Bekommen Dax-Vorstände und Top-Manager tatsächlich immer mehr?

MICHAEL H. KRAMARSCH: Zusammen mit Top-Künstlern und -Sportlern zählen Vorstände in den großen börsennotierten Unternehmen zu den bestverdienenden Menschen. Schließlich spielen auch die deutschen Unternehmen international im Spitzenfeld. Allerdings liegt der durchschnittliche Anstieg der Dax-Vorstandvergütungen jährlich bei nicht übermäßigen 3,1 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Aber zugegeben, aufgrund der hohen Erfolgsorientierung bewegt sich hier in einzelnen Jahren mehr als bei einfachen Arbeitnehmern.

Sind 17,5 Mio. Euro für VW-Chef Martin Winterkorn oder 9,6 Mio. Euro für Daimler-Chef Zetsche angemessen und ethisch vertretbar?

KRAMARSCH: Die Vergütungen, gerade in den deutschen Top-Unternehmen, sind im internationalen Spitzenfeld angekommen. Für die meisten Bürger und selbst viele Top-Manager sind diese Summen schwindelerregend. Es sind aber nicht die Manager, die ihre Gehälter festlegen, sondern die Aufsichtsräte und die Aktionäre. Dies muss auch der unternehmerischen Entscheidung überlassen bleiben. Wir werden es aushalten müssen, dass in einem Rekordjahr mit Rekordmitarbeiterboni und Rekorddividenden auch Rekordgehälter an Vorstände bezahlt werden.

Lassen sich die Angaben über Gehälter überhaupt vergleichen?

KRAMARSCH: Es wäre relativ einfach, die Transparenz zu verbessern. Sie passt in zwei Tabellen auf die Vorder- und Rückseite eines Bierdeckels - jeweils mit den Werten zur jährlich gewährten und zur tatsächlich gezahlten Vergütung.

Welchen Anteil sollten Fixgehälter ausmachen, welchen Boni?

KRAMARSCH: Hohe Managergehälter sind nur über den langfristigen Unternehmenserfolg zu begründen. Konsequenterweise braucht es dafür vernünftige, nachhaltige und erfolgsbezogene Vergütungselemente mit klar definierten Obergrenzen. Das Festeinkommen muss so gewählt sein, dass in schlechten Jahren die variablen Vergütungen auch auf null sinken können.

"Atmen" die Boni ausreichend?

KRAMARSCH: Boni atmen mit dem Unternehmenserfolg, in schlechten Jahren fallen sie auch mal ganz weg. Aber es kann auch sein, dass trotz eines schlechten Geschäftsjahrs Boni gezahlt werden, wenn die Jahre zuvor erfolgreich waren. Das muss vermittelt werden.

Die Deutsche Bank will einen Großteil der Boni künftig erst nach fünf und nicht schon nach drei Jahren auszahlen. Ein richtiger Ansatz?

KRAMARSCH: Banken sehen sich heute schon mit den restriktivsten Vergütungsregelungen konfrontiert. Die neuen Vorgaben für Finanzdienstleister zielen vor allem auf die Sicherstellung von Nachhaltigkeit und Langfristorientierung in der Vergütung. Wenn ein Institut dies durch die Verlängerung der Auszahlungsfristen in der variablen Vergütung noch verschärft, ist das sicher begrüßenswert.

Brauchen wir eine Obergrenze für die Gehälter?

KRAMARSCH: Wir brauchen eine Deckelung von Vergütung. Stimmen, die versuchen, Detailregelungen vorzugeben, verkennen die bunte Vielfalt deutscher Unternehmen. Der Aufsichtsrat muss Vergütungsobergrenzen für sein Unternehmen definieren, diese transparent und damit der Entscheidung der Aktionäre zugänglich machen.

Nehmen Aufsichtsräte und Aktionäre ihren Einfluss bei der Festsetzung der Vorstandsgehälter ausreichend wahr?

KRAMARSCH: Wir sehen eine klare Professionalisierung der Aufsichtsratstätigkeit. Gestärkte Verantwortung gilt jedoch auch für Aktionäre. Deren Einflussmöglichkeit auf die Ausgestaltung von Vergütungssystemen über die Hauptversammlungen ist längst noch nicht ausgereizt.

Ist man sich in den Top-Etagen der Konzerne der kritischen öffentlichen Debatte bewusst?

KRAMARSCH: Ganz klar: Die Diskussion ist angekommen, da genügt der Blick in die Medien. Alle Akteure sind sensibilisiert - zu Recht, denn die Top-Vergütungshöhen sind oberhalb unserer aller Vorstellungskraft. Aber sie werden auch für Tätigkeiten bezahlt, die Top-Profis benötigen. Die Tore für das Unternehmen VW zu schießen, ist herausfordernder als für die Fußball-Nationalmannschaft. Vorstand kann nicht jeder.

Können Sie das Argument nachvollziehen, wonach deutsche Top-Manager ins Ausland abwandern, wenn ihre Gehälter begrenzt werden?

KRAMARSCH: Mir sind keine Auswanderungswellen bekannt. Das Gehalt ist wichtig, aber nicht der einzige Grund, verantwortliche Aufgaben zu übernehmen. Aber wer seinen Arbeitgeber mit einer Gehaltsopportunität in Übersee zu erpressen versucht, dem sollte man empfehlen, es dort zu versuchen

Bei Sportlern, etwa Fußballern ist das Spitzengehalt kein Thema.

KRAMARSCH: Künstler und Sportler zeigen live, was sie tun. Das versteht jeder und erkennt: Das kann ich nie. Der Alltag von Managern wirkt dagegen banal. Da meinen viele: Ein paar Mitarbeiter motivieren, im Dienstwagen fahren und Repräsentieren, das kann ich auch. Dass die Arbeit eines Vorstands hochkomplex ist, besondere Fähigkeiten, extreme Einsatzbereitschaft, Mobilität braucht und zudem der Aufgabe des eigenen Privatlebens nahekommt, wird nicht gesehen. Kein Mitleid mit Vorständen, wir leben in einer freien Gesellschaft. Aber es gibt auch eine schiefe Sicht auf Leistung.
© Südwest Presse 01.10.2012 07:45
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