Porsches Ex-Finanzchef geht zum Gegenangriff über

Holger Härter bricht sein Schweigen und wirft Staatsanwaltschaft vor, keine Ahnung zu haben und Fehler zu machen
  • Holger Härter, der ehemalige Finanzvorstand von Porsche, steht 'mit Wut im Bauch' vor dem Landgericht Stuttgart. Foto: dpa
Der Architekt der spektakulär gescheiterten Attacke auf VW gibt sich siegessicher: Ex-Porsche-Finanzchef Härter will von Verfehlungen oder krimineller Energie während der Übernahmeschlacht nichts wissen.Der nach der gescheiterten Volkswagen-Übernahme wegen Kreditbetruges angeklagte Ex-Porsche-Finanzchef Holger Härter betrachtet die Vorwürfe als haltlos. 'Sie sind nachweisbar unrichtig und ich werde das jetzt in der Gerichtsverhandlung in meiner gewohnten Gelassenheit vortragen und auch die Dinge klarstellen', sagte der 56-Jährige gestern schon auf dem Weg zum Prozessauftakt am Landgericht Stuttgart. In der Verhandlung selber warf er dann der Anklagebehörde schwere handwerkliche Fehler vor.

Nach eisernem Schweigen im Vorfeld des Prozesses holte Härter erstmals umfassend zum Gegenangriff aus. Die Anklageschrift habe ihn 'fassungslos' zurückgelassen. In einer 60minütigen Verteidigungsrede warf der 56-Jährige der Staatsanwaltschaft vor, keine Ahnung von zentralen Begriffen der Finanzwelt zu haben und obendrein fehlerhaft zu rechnen. 'Es ist unfassbar und trifft mich', schickte er seinen Ausführungen voraus, in denen er die Porsche-Strategie für den am Ende doch gescheiterten Griff nach der Macht bei VW veranschaulichte.

Nach Lesart von Härter und seiner Anwältin Anne Wehnert hat sich die Anklagebehörde eine folgenschwere Übersetzungspanne geleistet. Sie habe bei den Auswertungen des englischsprachigen Schriftverkehrs mit den Banken eine Fachvokabel nicht korrekt verstanden und so die falschen Schlüsse gezogen.

Draußen vor dem Saal wurde er nach dem Ende des ersten Verhandlungstages schon deutlicher: Er habe 'Wut im Bauch'.

Die Anklagebehörde ist sich ihrer Sache aber auch sicher. 'Es sind keine Übersetzungsfragen, um die es hier geht', sagte der für den Härter-Fall zuständige Oberstaatsanwalt Hans Richter vor dem Gerichtssaal. 'Es geht in dieser Norm des Kreditbetruges darum, dass man gegenüber dem, dessen Geld man haben will, offen kommunizieren muss: nämlich das, was der andere wünscht, zu erfahren.'

Der einstige Top-Manager und zwei seiner damaligen Führungskräfte aus der Porsche-Finanzabteilung sollen aber einer Bank Angaben verheimlicht haben, um während des turbulenten Übernahmeversuchs bei Volkswagen vor rund dreieinhalb Jahren leichter an immer dringender benötigtes, frisches Geld zu kommen. Härters Erklärung ging daher aus Sicht des mit dem Fall betrauten Staatsanwalts Reto Woodtli am Kern des Problems vorbei. Fachvokabular und Rechenbasis hin oder her: Porsche habe so oder so getrickst.

Was sich während des Prozesses vordergründig im Fachchinesisch der Branche verliert, dreht sich um die strafrechtliche Aufarbeitung eines der spektakulärsten Wirtschaftskrimis aus der Autobranche. Hintergrund der Anklage gegen Härter und seine zwei Abteilungsleiter sind hochkomplizierte und riskante Finanzgeschäfte bei der 2009 gescheiterten Übernahmeschlacht der Schwaben gegen den VW-Konzern. Härter jonglierte damals mit Milliarden. Am Ende verhoben sich die Stuttgarter im Strudel der Finanzkrise derart, dass VW den Spieß umdrehte und zur letzten Rettung für Porsche wurde.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Härters Team in der heißen Phase des Angriffs auf die Wolfsburger eine Bank gezielt hinters Licht führte. Es geht um die Anschlussfinanzierung eines damals dringend benötigten 10-Mrd. EUR-Kredits.

Für Härter könnte der Prozess nur die Spitze eines Eisberges sein. Denn neben dem Vorwurf Kreditbetrug ermittelt die Staatsanwaltschaft in dem Fall zusätzlich auch noch wegen Untreue und Marktmanipulation.
© Südwest Presse 06.09.2012 07:45
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