Köder für die Schatzsuche

Gastgewerbe lockt Auszubildende mit allerlei Extras und Vergünstigungen
  • Anna Fuchs, Koch-Auszubildende im ersten Lehrjahr, legt im Baiersbronner Hotel Bareiss letzte Hand an das Frühstücksbüfett; sie hat sich für einen Betrieb entschieden, der ihr auch Vergünstigungen für die Freizeit gewährt. Foto: Hans Georg Frank
Hotels und Wirtshäuser ködern Auszubildende mit allerlei Extras wie Fitnesstraining und Rabattkarte. Damit soll der Rückgang der Bewerbungen um eine Lehrstelle in Küche oder Rezeption gestoppt werden.Wenn die drei neuen Auszubildenden am 1. August ihre Lehre anfangen im Karlsruher Tagungshotel 'Der blaue Reiter', will ihr Chef Marcus Fränkle (32) seine Wertschätzung auf besondere Weise ausdrücken. Mit einem ganz persönlichen Geschenk möchte er das Trio begrüßen. Eine individualisierte Tasse gab es im Vorjahr, diesmal könnte es eine Art Schultüte sein für die angehenden Hotelfachleute. Nicht allein der Einstieg ins Berufsleben wird versüßt, auch danach wartet manches Extra-Bonbon. Zweimal die Woche dürfen Fränkles Leute kostenlos zum Fitnesstrainer. Auch ein Praktikum in einem Allgäuer Fünfsternehotel, der Sonnenalp in Ofterschwang, steht auf der Liste - 'da gibt es das positivste Feedback'.

Hotellerie und Gastronomie bemühen sich mit immer ausgefalleneren Zugaben um Lehrlinge. Es genügt längst nicht mehr, den althergebrachten Ausbildungsplan abzuhaken. Spezialschulungen, Sprachkurse, Sonderseminare, Sportstudio gehören zunehmend zum Standard. Immer mehr Chefs beherzigen, was Hermann Bareiss (68) aus Baiersbronn schon seit Jahren vorlebt: 'Auszubildende sind der Schatz des Hauses.'

Von seinen 250 Mitarbeitern absolvieren derzeit 70 eine Lehre in dem Spitzenhotel, das zum 'Top-Ausbilder des Jahres 2012' gekürt wurde. Im Bareiss nehmen sich die Chefs, neben dem Patron sein Sohn Hannes (31), der Anfänger an: 'Wir wollen der beste Arbeitgeber sein.' Stefanie Maisch (21) hat sich 'hier sofort wohl gefühlt', sagt die Hotelkauffrau, 'sie interessieren sich wirklich für mich.' Anna Fuchs (18), seit Februar in der Küche, sieht sich in der Wahl des Betriebs jeden Tag bestätigt: 'Es ist toll hier.'

Zum Wohlgefallen des noblen Arbeitsplatzes im Schwarzwald trägt auch die 'Bareiss-Card' bei. Damit gewähren Geschäfte Rabatte zwischen 10 und 25 Prozent, Freibad und Skilift kosten gar nichts. 'Diese finanzielle Unterstützung ist wichtig', erklärt Stefanie Maisch, die im 3. Lehrjahr 741 EUR verdient.

Bareiss kann noch immer die besten Kräfte aus einem großen Pool fischen. Für die jährlich 20 Lehrstellen melden sich 650 Interessenten. Doch: In Boomzeiten erhofften sich jährlich 1000 Bewerber ein Bareiss-Zeugnis, mit dem ihnen die weite Gastrowelt offen gestanden hätte.

Diese Entwicklung sei auch dem demografischen Wandel geschuldet, meint Daniel Ohl vom Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. 2011 seien fast 7 Prozent weniger Lehrverträge als 2010 geschlossen worden: 'Es gibt deutlich mehr offene Stellen als Bewerber, diese Situation wird sich noch verschärfen.' Wirte und Köche müssten nicht nur im Wettbewerb gegeneinander bestehen, sie sehen sich auch immer stärkerer Konkurrenz boomender Branchen ausgesetzt, etwa der Metallsparte. 'Wir müssen uns noch mehr anstrengen', sagt Ohl, zumal das Gastgewerbe mit seinen 32 000 Betrieben (Umsatz 8,3 Mrd. EUR) oft nicht erste Wahl sei.

Mit diversen Zulagen soll die Attraktivität der Berufe an Herd und Theke gesteigert werden. Auch kleine Betriebe wie das Hotel Linde in Heidenheim (29 Zimmer) heben die Extras hervor. Küchenmeister Martin Bosch (33) bezahlt seinem Stift nicht nur die Fachbücher (50 EUR), er übernimmt auch die Kosten für die Unterkunft in der Akademie Bad Überkingen, 'als Zuckerle'. Einen Dreierpack Berufskleidung gibt es obendrauf. Bestes Argument für die Lehre hier ist aber die Aussicht auf den freien Samstag.

Die Großen der Beherbergungsbranche wie Le Meridien in Stuttgart locken mit dem Azubi-Austausch innerhalb des Konzerns. Die 34 Lehrlinge können auch für einen symbolischen Euro den Mitarbeitern vorbehaltenen Sportclub mit Profi-Betreuung nutzen, sagt Personalleiterin Michaela Heidkamp.

Wer in den Traumberuf einsteigt, denkt an die Karriere. Der Blick wird von Anfang an über Teller und Töpfe hinausgerichtet. Hilfreich sind dabei Wettbewerbe als direkte Vergleiche mit Kollegen, bei denen letztlich auch das Niveau des Ausbildungsbetriebs auf dem Prüfstand steht. Über 100 Teilnehmer werden bei den 'Baden-württembergischen Meisterschaften im Gastgewerbe' am 13. und 14. Juni in Villingen-Schwenningen beweisen, was sie gelernt haben. Dehoga-Sprecher Ohl wird danach die Lokalpresse gezielt über die Erfolge der Kandidaten und ihrer Lehrmeister informieren: 'Das ist das beste Marketing.'

Der 'Kampf um Azubis', wie Martin Bosch sagt, beginnt lange vor der Schulentlassfeier. Allerorten entstehen Bildungspartnerschaften, Mentoren schwärmen mit Broschüren und Filmen aus in Klassenzimmer. Potenzielle Auszubildende kommen zu einem Praktikum. Auch Anna Fuchs schnupperte zunächst in einer Küche, bevor sie bei Bareiss den Lehrvertrag unterschrieb.
© Südwest Presse 30.04.2012 07:45
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