Türkei wirbt um Mittelständler

Rezzo Schlauch und Ole von Beust sollen deutsche Investoren suchen
  • Rezzo Schlauch nennt die türkische Industrie sehr leistungsfähig.

Die Türkei sucht verstärkt deutsche Mittelständler als Investoren, die das Land als Basis für die ganze Region nutzen wollen. Dabei sollen ihr die Ex-Politiker Rezzo Schlauch und Ole von Beust helfen.Zur Türkei hat Rezzo Schlauch ein ganz besonderes Verhältnis. Als der Grüne noch als Rechtsanwalt in Stuttgart arbeitete, hatte er viele türkische Klienten und früh eine türkischstämmige Mitarbeiterin als Auszubildende. Als Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium hatte er 2004 bei einer Türkei-Reise ein Aha-Erlebnis, als sich der Staat vor deutschen Industrievertretern als leistungsfähige Nation mit besonders hoher Produktivität präsentierte.

Ab sofort wirbt Schlauch - der nach seinem Ausstieg aus der Politik 2005 wieder als Rechtsanwalt und Wirtschaftsberater arbeitet - für die Agentur für Investitionsförderung der Republik Türkei (Ispat) um Investoren insbesondere unter deutschen Mittelständlern. Er wolle sie überzeugen, dass die Türkei längst kein Agrarstaat mehr sei, sondern über eine 'unglaublich leistungsstarke und innovative Industrie' verfüge, sagte er gestern in Berlin. Dabei hat er insbesondere die Autozulieferer und Maschinenbauer im Auge, die im Süden gut vertreten sind. Außer ihm hat Ispat zwei weitere prominente Berater engagiert: Ole von Beust, der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg, kümmert sich vorrangig um regenerative Energien und die maritime Industrie, während Wolf-Ruthart Born, Ex-Botschafter in der Türkei, die Kontakte in Berlin pflegt.

'Die deutsche Exportwirtschaft hat sich stark auf Indien und China fokussiert', kritisiert Schlauch. Er und seine Mitstreiter wollen dafür sorgen, dass sie auch die Chancen 'vor der Haustür' erkennt. Die Hürden bei Sprache und Bürokratie seien sehr viel kleiner geworden, ergänzt Born. Sei dem Start der Beitrittsverhandlungen zur EU 2005 sei ein großer Wandel zu verspüren.

Die Türkei wirbt nicht nur mit ihrem eigenen Markt, sondern auch als Schlüsselland für den Mittleren Osten und Nordafrika. Deutsche Investoren stehen unter den Firmen mit ausländischer Beteiligung an erster Stelle: In 4500 Unternehmen haben sie 13 Mrd. EUR investiert. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl verdoppelt. Zudem ist Deutschland für die Türkei mit 26 Mrd. EUR Ex- und Importen der wichtigste Handelspartner. Allerdings lässt die Dynamik des Engagements zu wünschen übrig, merken die Türken an. 'Es ist noch sehr viel Luft nach oben', sieht auch Schlauch.

Niedrige Kosten bei hoher Qualität verspricht Ispat-Präsident Ilker Ayci. Im Ballungszentrum Istanbul seien die Löhne für Facharbeiter aber nicht unbedingt günstiger als in Deutschland, ergänzen seine Mitarbeiter. Auf dem flachen Land sieht es noch anders aus. Sie wollen keine deutschen Arbeitsplätze in das Land an der Grenze zwischen Europa und Asien verlagern, sondern werben um zusätzliche Aktivitäten. Dabei klingt zwiespältig, wenn Ayci das türkische Bus-Werk von Mercedes-Benz als das modernste in der Welt lobt: Weil es ausgebaut wird, hat der Konzern gerade den Abbau von 1000 Beschäftigten in Ulm und Mannheim angekündigt.
© Südwest Presse 13.03.2012 07:45
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