Bewerbung vor der Kamera

Medientraining hilft Schülern beim Start ins Berufsleben
  • Beim Projekt 'Von standby auf aktiv' werden Schüler wie Steffen auch bei ihren Hobbies gefilmt. Der 15-Jährige wartet ehrenamtlich Kirchenglocken. Foto: Alexander Bögelein
Einigermaßen Sicherheit vor der Kamera und die Chance, viel über sich zu lernen, bietet Schülern das Projekt 'Von standby auf aktiv'. Ein Blick hinter die Kulissen des Bewerbungstrainings in Mössingen.. Zielstrebig klettert Steffen die engen Stiegen des Glockenturms hinauf. Kamerafrau Katrin Becker, Theaterpädagogin Beate Duvenhorst und Klassenlehrerin Hanne Bohn kommen dem 15-Jährigen kaum hinterher. Oben in der Glockenstube erörtern sie erst einmal, wie der Dreh ablaufen soll, bevor Steffen vor laufender Kamera auf die Holzkonstruktion klettert, die Glocken wartet und dabei die Muttern mit einem Schraubenschlüssel nachzieht.

Die Szene von Steffens Hobby wird Bestandteil seiner Bewerbungs-DVD. Die ist ein Ziel des Bewerbungsprojekts 'Von standby auf aktiv' der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg. Die Hauptschule Bästenhardt in Mössingen ist zum zweiten mal dabei.

Klassenlehrerin Hanne Bohn hat zehn Schüler der achten Klasse ausgesucht, die nach dem Hauptschulabschluss eine Lehre anstreben. Sie ist von dem Projekt begeistert. Die Jugendlichen haben nicht nur eine DVD, mit der sie bei ihren Bewerbungen Pluspunkte sammeln. Sie lernen in einer Art Schauspieltraining vieles über Körpersprache, Körperhaltung, sich authentisch zu präsentieren, artikuliert zu sprechen und wie man sympathisch auftritt. 'Das ist auch mit Blick auf die Bewerbungsgespräche wichtig', erläutert Bohn.

'In unserer Schule beginnt die Berufsplanung schon in der fünften Klasse', sagt Peter Ammann, Rektor der Grund- und Hauptschule Bästenhardt. 'Uns liegt sehr an einem langfristig angelegten Konzept, das die Kinder optimal auf den Übergang von der Schule in die Berufswelt vorbereitet.' Das LKJ-Projekt ist einer von mehreren Bausteinen.

'Aus den drei Tagen Bewerbungstraining gehen die Jugendlichen auch mit einem größeren Selbstbewusstsein hervor und sie sehen ihre berufliche Zukunft klarer', erläutert Theaterpädagogin Duvenhorst. In Einzelgesprächen und in Gruppe erörtert sie mit den Schülern deren Vorstellungen, spürt deren Stärken und Begabungen auf, hinterfragt deren Berufsziele. Manchmal sind diese zu hoch gegriffen, sagt sie.

'Mitunter schlummern in den Jugendlichen aber Qualitäten, von denen sie gar nichts wissen.' Die Theaterpädagogin fragt die Schüler nicht, was machst Du gut, sondern was machst Du gerne? 'Oft hören wir nach dem Bewerbertraining: Ich weiß jetzt eher, was mir liegt, ich probiere mal was anderes aus', erzählt Duvenhorst.

Steffen allerdings hat schon konkrete Vorstellungen. Er will Zugführer werden. Ein Praktikum bei der Bahn hat er schon absolviert, ein weiteres folgt jetzt. Sein Talent fürs Mechanische wendet er in seiner Freizeit an. In den Kirchen rund um Mössingen wartet der Hauptschüler ehrenamtlich Kirchenglocken, in der Bauhütte in Herrenberg und dem dortigen Museum macht er Führungen. Zudem engagiert er sich im Naturschutzbund.

An diesem Vormittag betätigt er sich als Helfer von Kamerafrau Becker, die später die Filmaufnahmen schneiden und den Schülern die Bewerbungs-DVDs zukommen lassen wird. Während Steffen den Reflektor hält, schleift sein Klassenkamerad Emre im Technikraum an einem Stück Metall. Der 14-Jährige möchte Lackierer werden. Ihn fasziniert, die Möglichkeit zu gestalten, und er findet den Umgang mit Farbe spannend. Doch das für den Bewerbungsclip vor der Kamera zu sagen, ist gar nicht so einfach.

Duvenhorst und Becker leiten ihn an, geben ihm Hilfestellungen und Regieanweisungen: 'Lächle, dann kannst Du weiterarbeiten.' Darauf setzt Emre nochmal an: 'Ich denke dieser Beruf passt gut zu mir, weil es mir liegt, ordentlich zu arbeiten. Und ich mag es, mich zu konzentrieren. Das kenne ich vom Tischtennis', sagt Emre und lächelt. Katrin Becker hat die Szene im Kasten und ruft: 'Stop, perfekt.'

Seit dem Start des Projektes im Jahr 2007 haben Hunderte von Jugendlichen an 86 Haupt- und Realschulen im Land an dem Bewerber- und Persönlichkeitstrainig teilgenommen.

Das hält LKJ-Geschäftsführer Alexander Pfeiffer für methodisch eine tolle Kombination aus Theater-, Medienpädagogik und Vorbereitung auf den Beruf. Die Rückmeldungen der Schüler und Lehrer seien sehr positiv ebenso wie die von mittelständischen Betrieben. Großunternehmen und Konzerne hingegen haben kein Interesse an den Bewerbungsclips. Sie setzten auf Online-Bewerbungen und sieben die Lehrstellenbewerber in der ersten Runde rein nach Noten aus.

'Wir würden gerne mit dem Projekt in die Breite gehen, doch dafür fehlen leider die finanziellen Mittel', sagt Pfeiffer. 'Die Jugendlichen lernen viel über sich, das Projekt fordert sie heraus.'

Das sieht auch Nicolas so, ein Klassenkamerad von Steffen und Emre. Er spürt seinen Herzschlag bei den Filmaufnahmen. Doch Nicoals, der Gärtner werden will, hat ein einfaches Rezept gegen das Lampenfieber: 'Ich beruhige mich, indem ich denke: Das ist nicht schlimm. Das ist etwas Gutes. Das ist etwas für mich.'
© Südwest Presse 10.03.2012 07:45
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