Das ignorierte E10-Problem

Keine Motorschäden an Autos - Anteil des Biosprits stagniert trotzdem
  • Den Ökosprit Super E10 wollten und wollen die meisten deutschen Autofahrer nicht tanken. Das Ansinnen der Politik, den Biosprit-Anteil zu erhöhen, ging nicht auf. Foto: dpa
Vor einem Jahr war das Chaos an den Tanksäulen in Deutschland perfekt: Die Autofahrer sollten den Biosprit E10 tanken, wollten dies aber nicht. Ein so genannter Benzingipfel mühte sich, einen Ausweg zu finden.Als die überraschende Nachricht kommt, dass die weitere E10-Einführung gestoppt wird, rauscht der Börsenkurs des Bioethanolherstellers Cropenergies senkrecht in den Keller. Der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) beruft Minuten später am zuständigen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) vorbei einen 'Benzingipfel' ein, um etwas gegen den Käuferstreik zu tun. Die Biospritstrategie der Regierung und E10 stehen vor dem Scheitern.

Teilnehmer sagen später, beim Gipfeltreffen am 8. März 2011 von Bundesregierung, ADAC, Mineralöl- und Biokraftstoffbranche sei es wie beim Hornberger Schießen zugegangen. Jeder wies jedem die Schuld zu, mit großem Getöse angekündigt, kam kaum etwas Zählbares heraus.

Außer einem Bekenntnis zu mehr Informationen schon an der Tankstelle, welches Auto E10 verträgt. Ein Jahr später haben sich viele Sorgen als unbegründet bewiesen, es sind keine Motorschäden durch E10 bekannt. Zunächst hatte selbst die Bundespolizei E10 wegen Zweifeln gemieden. Aber gelöst ist das Problem nicht, es wird ignoriert.

Die E10-Absatzzahlen sind nur minimal besser geworden: Der Anteil am Benzinverkauf beträgt 11,8 Prozent. Geplant waren 90 Prozent, um die Bioquote zu schaffen - demnach muss gemessen am Gesamtabsatz 6,25 Prozent der fossilen Energie durch Bioenergie ersetzt werden. So soll das Klima geschont und die Abhängigkeit vom Öl verringert werden, gerade in Zeiten hoher Preise. Biokraftstoffe müssen mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als fossile Kraftstoffe. Und zwar gemessen am gesamten Prozess - vom Mais-, Rüben- oder Weizenanbau auf dem Acker über alle Transporte und die Produktion.

Doch viele Bürger zweifeln am Nutzen und bevorzugen das alte Super Benzin mit nur 5 Prozent Ethanol, das eigentlich zum Auslaufmodell werden sollte. Stiege der E10-Absatz im derzeitigen Tempo weiter, wäre das 90-Prozent Absatzziel nach Branchenangaben erst in rund 47 Jahren erreicht. 'Für viele Autofahrer ist E10 bisher keine Alternative, obwohl es etwas billiger ist', sagt Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer beim Mineralölwirtschaftsverband.

Die Quote wurde 2011 deutlich verfehlt. Millionen-Strafzahlungen wären eigentlich die Folge. Diese würden womöglich auf den ohnehin schon in Rekordhöhen gestiegenen Spritpreis aufgeschlagen. Aber: Es gibt durch eine Übererfüllung in den Vorjahren Spielraum. Denn da war die Quote geringer und es wurde mehr Biodiesel (B100) verkauft.

Daher fallen Strafen wohl aus, Klarheit gibt es bis April. Ein weiterer Grund dafür: Es gibt einen trickreichen Handel, um die Quote auf Umwegen zu erfüllen. So kaufen Mineralölunternehmen Biodiesel-, Pflanzenöl- oder Biogas-Zertifikate, müssen aber die entsprechende Menge voll versteuern, damit sie auf die Quote angerechnet wird.

Das kostet aber viel Geld - ob und wie sich das in den Benzinpreisen niederschlägt, ist schwer zu ermitteln. Die Mineralölbranche gilt vielen Bürgern nicht gerade als Vorbild in Sachen Preistransparenz. Die günstigste Variante wäre für Autofahrer in jedem Fall, wenn der E10-Absatz anziehen würde. 93 Prozent aller Benzin-Autos vertragen den Biosprit, aber nur rund 3 Mio. Autos werden damit derzeit betankt, und das, obwohl das Superbenzin inzwischen an fast allen der 14 723 Tankstellen in Deutschland zu bekommen ist.

Im Regierungskreisen weiß man aber auch: Angesichts des möglichen Konfliktes zwischen Anbauflächen für Biosprit auf der einen und für Nahrungsmittel auf der anderen Seite könnten die Biospritpotenziale langfristig begrenzt sein.

Letztlich könnte der Biosprit E10 daher eher eine Zwischenlösung sein auf dem Weg hin zu hocheffizienten Autos und einem Durchbruch der Elektromobilität.
© Südwest Presse 08.03.2012 07:45
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