'Ein sehr teurer Fehler'

Ökonomen bewerten Schuldenschnitt für Athen kritisch
Gipfel, Rettungspakete und Sparprogramme können Griechenland bisher nicht retten. Im Gegenteil: Das Land ist jetzt 'teilweise pleite', weil seine privaten Gläubiger nicht komplett ausbezahlt werden.Es kam wie es kommen musste. Als erste der drei mächtigen Ratingagenturen hat Standard & Poors (S&P) wegen des griechischen Schuldenschnitts den Daumen gesenkt. Dass Gläubiger wie Banken und Versicherungen auf den Löwenanteil ihrer Forderungen verzichten sollen und womöglich von Athen gar per Gesetz zu Einbußen gezwungen werden, ist für die Bonitätswächter ein 'teilweiser Zahlungsausfall'.

Allen Warnungen zum Trotz hatte die Politik - maßgeblich getrieben von Bundeskanzlerin Angela Merkel - auf einen Beitrag privater Gläubiger (Kürzel: PSI) gepocht, um so die Steuerzahler zu entlasten. Inzwischen sagen nicht nur Ökonomen wie der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding: 'Das ist ein teurer Fehler gewesen.'

Das Kalkül der Politik: Besonders 'die Banken' sollten auch für die Griechenlandrettung bluten. Dann habe auch der Steuerzahler mehr Verständnis, warum gerade Deutschland immer neue Milliarden in ein scheinbar bodenloses Fass Griechenland wirft.

Was die Politik verkannte: Für Investoren waren so Staatsanleihen plötzlich kein sicherer Hafen mehr. Gerade Bonds aus Eurostaaten galten bis dato als mündelsicher, die Banken mussten den Erwerb solcher Papiere nicht einmal mit Eigenkapital unterlegen.

'Die Erwartung war, dass Staatsanleihen zu 100 Prozent zurückgezahlt werden. Dieses Prinzip wurde verletzt - und zwar entgegen allen Aussagen, die zuvor gemacht worden waren', kritisierte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Januar. 'Dafür werden wir einen hohen Preis zahlen müssen, unter anderem in Form höherer Zinsen, die Investoren von vielen Regierungen verlangen werden.'

Der Deutschland-Chef der Ratingagentur Fitch, Jens Schmidt-Bürgel, nennt es den 'Sündenfall PSI': 'Seitdem wissen alle Investoren, dass Staatsanleihen alles andere als risikoarm sind, sondern dass sie dort eine Menge Geld verlieren können.' Die Politik werde 'auch in Zukunft vor der Keule für die Investoren nicht zurückschrecken: PSI als letzte Möglichkeit'.

Vertrauen hört sich anders an. Zumal Athen notfalls nachträgliche Zwangsklauseln einführen will, wenn beim vereinbarten Schuldenschnitt nicht genug Gläubiger mitziehen.

Doch auch ohne diesen zusätzlichen Tabubruch machten die Ratingagenturen nie einen Hehl daraus, wie sie die 'Freiwilligkeit' des Forderungsverzichts einschätzen. Wohl ganz ähnlich wie Commerzbank-Chef Martin Blessing: 'Die Freiwilligkeit bei dem Ding ist ja so wie das Geständnis bei der spanischen Inquisition freiwillig war.'

Zwar hat Europa die Rolle rückwärts vollzogen und Griechenland zum Einzelfall ernannt. An den Finanzmärkten hat die europäische Politik ihren Ruf als verlässlicher Partner trotzdem vorerst verspielt, kritisiert Schmieding.

Was folgte, waren zunächst Turbulenzen an den Anleihemärkten, die etwa die Refinanzierung Italiens deutlich verteuerten. Auch Spanien geriet ins Visier der Märkte. Später gingen die Aktienmärkte massiv in die Knie. 'Das hat dann Haushalte und Unternehmen in der Eurozone selbst so verunsichert, dass sie ihre Investitionen zurückgefahren haben. Damit wurde die Konjunktur versenkt', wettert der Ökonom der Berenberg Bank. Statt in der Hochkonjunktur zu bleiben, sei die deutsche Wirtschaft in eine Minirezession gefallen.
© Südwest Presse 29.02.2012 07:45
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