Der Ferrari liest die SMS vor

Automesse IAA: Hersteller bringen Musik, Google und Facebook ins Fahrzeug
  • Harman baut nicht nur 18-Lautsprecher in einen Ferrari ein, wie auf der IAA zu sehen ist, sondern bietet auch eine App-Plattform, die Nachrichten vorliest.
Vielleicht werden wir es einmal bereuen: Einem der letzten internetfreien Refugien geht es an den Kragen, dem Auto. Billig Tanken, Facebook und Google sind der Anfang. Am Ende steht das selbststeuernde Auto.Noch sind wenige Fahrzeuge mit dem weltweiten Datennetz verbunden. In Deutschland wünscht sich aber nach einer Umfrage des Hightech-Verbandes Bitkom jeder zweite Fahrer einen Internetzugang. 'Meine 23-jährige Tochter hat mich einmal gefragt, ,Papa, warum soll ich 1000 oder 2000 Dollar für ein Autosystem ausgeben, das weniger als mein Smartphone kann?', erzählt Harman-Chef Dinesh Paliwal. Der vor allem für seine Musikanlagen bekannte US-Konzern wittert eine Marktlücke und präsentiert nun auf der Automesse IAA einen Ferrari mit 18 Lautsprechern und eine Plattform, die Facebook-Nachrichten vorliest und Hörbücher aus dem Web abspielt.

Viele Autohersteller arbeiten an eigenen Lösungen, wie in Frankfurt zu besichtigen ist. Bei Ford etwa werden SMS vorgetragen, es gibt Wetterinfos und aktuelle Flugtermine im Auto. Die Spracherkennung Sync ist bereits in Amerika erhältlich und sehr erfolgreich, wirbt der Hersteller. Selbst Lieder von Musikgruppen mit komplizierten Namen wie Mötley Crüe werden auf Zuruf abgespielt.

'Die Spracherkennung ist ein Knackpunkt', gibt Enno Pflug vom Zulieferer Continental zu, der sich ebenfalls für das Thema interessiert. 'Sicherheit ist wichtig, es kann nicht sein, dass während der Fahrt auf einem Display herumgefummelt wird.' Die Wort-Erkennung ist aber besser geworden. Dabei hilft das Internet mit: Ausgesprochenes wird an Großcomputer geschickt, analysiert und zurück ans Auto gesendet - und hoffentlich auch umgesetzt.

Ob sich Sprachsteuerung, Gesten oder Berührungen durchsezten, ist freilich noch offen. In China fährt bereits das erste Serienauto, das Web-Dienste akustisch wiedergibt. Continental-Chef Elmar Degenhart rechnet mit einer Serienreife hierzulande in vier bis fünf Jahren.

BMW präsentiert Autofahrern künftig auch den Kurzinfodienst Twitter und Musik von Webradios, hilft bei der Apotheken- und Geldautomatensuche und zeigt, welches Museum offen und welches Restaurant zu empfehlen ist. Peugeot kontert mit einem drahtlosen Zugang zum Nachrüsten für 340 EUR. Toyota bringt die lokale Google-Suche, will das Fahnden nach freien Parkplätzen und günstigen Tankstellen erleichtern. Bei Daimler bieten die E- und S-Klasse ein kleines Drahtlosnetz, in das sich bis zu vier Internetnutzer einklinken können. 'Das wird aber noch sehr, sehr selten verlangt', weiß Jan Martin vom Pkw-Verkauf. Die neu vorgestellte B-Klasse bringt einen Browser, in dem sich wie zuhause mit Favoriten beliebte Online-Seiten abspeichern lassen.

Bei Audi hat man einen weitergehenden Ansatz. Alles was für den Fahrer bequem und sicher ist, soll seinen Weg ins Auto finden. Dazu zählt Oliver Strohbach, zuständig für Technik-Kommunikation, Informationen zu Politik und Wirtschaft, die auf dem Display auftauchen ebenso wie die Kommunikation des Fahrzeugs mit Ampeln, die den Fahrer vor dem drohenden Überfahren bei Rot warnen. 'Assistenten übernehmen auf Wunsch immer mehr Funktionen.' Der unbeliebte Stop-and-Go- und Stadtverkehr wird ebenso delegiert wie Einparken und Spurhalten. Strohbach: 'Audi will nicht noch mehr Airbags einbauen, sondern das Auto vor drohenden Unfällen langsamer machen.'

Zum ganzheitlichen Ansatz gehört auch die medizinische Kontrolle des Fahrers, dessen Körperfunktionen sich über Lenkrad oder Sensoren im Sitz überprüfen lassen - bei Herzinfarkt wird gestoppt.

Ziel aber dürfte das autonome Fahren sein: Bereits seit Jahren gibt es Autos, etwa von Google, die ohne Zutun des Fahrers ihren Weg finden. Noch sind aber Rechts- und Zuverlässigkeitsprobleme ungelöst.

Sicherheitsfunktionen können dem Internet auf vier Rädern einen Schub geben, glaubt Pflug von Continental. 'Die EU-Kommission hat beschlossen, dass Neuwagen ab 2015 einen Unfall automatisch melden müssen.' Wenn aber schon eine Box eingebaut wird, die den Standort weitergibt, könnte dort auch Internet seinen Platz finden.

Continental bietet Mietwagen-Firmen digitale Schlüssel an. Mieter bekommen Informationen aufs Handy geschickt, die den Standort des Autos zeigen, den Zugang ermöglichen und sowohl die Sitzposition als auch den Lieblingsradiosender gespeichert haben - ein Schlüssel ist nicht mehr nötig.

'Die Vernetzung ist ein Megatrend' , sagt der Analyst Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg. 'Welche Angebote sich aber dauerhaft durchsetzen, bleibt angesichts des frühen Stadiums der Liaison von Auto und Internet noch offen.' Der Hype hängt für den Wirtschaftsingenieur Wolfgang Schade auch damit zusammen, dass 'andere Dinge für junge Leute wichtig werden, das iPhone zum Beispiel'. Früher sei ein Auto nötig gewesen, um Freunde zu sehen. Dies hätten heute zum Teil soziale Netze im Internet übernommen, sagt der Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut ISI.

Das Web dürfte also Zukunft haben. Das Beratungsunternehmen Oliver Wyman rechnet sogar damit, dass 2016 bereits 80 Prozent der Autos vernetzt sind.
© Südwest Presse 16.09.2011 07:45
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