Computer hilft bremsen

Jährlich 1,3 Millionen Verkehrstote - Bosch will Autofahrer retten
  • Hat dieser Autofahrer geschlafen oder zu zögerlich gebremst? Ein vorausschauendes Notbremssystem soll das Fahrzeug früher zum Stehen bringen und auf diese Weise viele Auffahrunfälle verhindern. Firmenfoto
Jedes Jahr sterben weltweit 1,3 Millionen Menschen bei Verkehrsunfällen. Die Zahl könnte sogar noch um 50 Prozent steigen, befürchtet die UN. Der Autozulieferer Bosch will für mehr Sicherheit sorgen.70 Stundenkilometer können ganz schön schnell sein. Etwa dann, wenn man mit dieser Geschwindigkeit auf ein Hindernis zufährt - und nicht bremsen darf. Bosch hat sich diese Testsituation ausgedacht, weil immer wieder Autos in stehende Fahrzeuge am Ende eines Staus krachen. Der Autozulieferer demonstrierte auf seiner Teststrecke in Boxberg, wie ein vorausschauendes Notbremssystem dann Leben retten kann. Interessierte konnten sich in einen Peugeot und Audi setzen, Vollgas geben und auf das maßstabgetreue Bild eines Autohecks zurasen.

Auch wenn es nur das Abbild eines Autos ist: 30 Meter vor einem Hindernis nicht vom Gaspedal zu gehen, fällt sehr schwer. Vor allem, wenn mit einem lauten Ton vor dem drohenden Crash gewarnt wird. Die meisten Autofahrer bremsen aber auch in dieser Gefahrensituation zu schwach. Dies erkennt der Computer und steuert den Rest an Bremsleistung bei, um den Auffahrunfall zu verhindern. Mit einem tiefen, kernigen Geräusch packen die Bremsen zu, die Wirkung ist gewaltig, der Körper fliegt in die Gurte, ein auf der Rückbank abgelegter Rucksack schießt nach vorn.

Was bei diesem Versuch ohne Blessuren ausging, endet auf öffentlichen Straßen oft mit Verletzungen. 'Die häufigste Unfälle mit Verletzten sind Kreuzungsunfälle und Auffahrunfälle', sagt Bereichsvorstand Werner Struth, der bei Bosch für Fahrerassistenz und Sicherheit zuständig ist. 'Bei Unfällen mit Todesfolge steht häufig das Schleudern an erster Stelle, gefolgt von Kreuzungsunfällen und Zusammenstößen mit Fußgängern.'

Den Vereinten Nationen (UN) zufolge sterben jedes Jahr weltweit 1,3 Mio. Menschen bei Verkehrsunfällen, 50 Millionen werden verletzt. Weil der Straßenverkehr aber zunimmt, könnte auch die Zahl der Verkehrstoten um nahezu 50 Prozent auf jährlich 1,9 Millionen steigen, befürchtet die UN. Deshalb wurde eine Dekade der Verkehrssicherheit ausgerufen mit dem Ziel, die Zahl der Toten und Verletzten bis 2020 deutlich zu reduzieren. Ein Aktionsplan sieht unter anderem die Einführung der Helmpflicht für Zweiradfahrer, die Ausstattung von Autos mit dem Elektronischen Stabilitäts-Programm ESP und Motorräder mit dem Antiblockiersystem ABS vor. Experten glauben, dass sich damit 5 Mio. Menschenleben retten und 50 Mio. schwere Verletzungen verhindern ließen.

Bosch interessiert sich schon länger für sichere Autos. Waren es früher lichtstarke Scheinwerfer und warnende Hupen, brachten die Stuttgarter 1978 das erste elektronisch geregelte Antiblockiersystem ABS und 1995 ESP auf den Markt. Künftig will Bosch bestehende Systeme kostengünstiger herstellen, damit sie auch in Schwellenländern Käufer finden.

Viele Unfälle entstehen, wenn Autos von der Fahrspur abkommen. Erfasst eine in das Auto eingebaute Kamera die Fahrbahnmarkierungen, könnte jeder zwanzigste Unfall mit Verletzten oder Toten glimpflicher ablaufen, glaubt Bosch. Denn Fahrzeuge kommen meist dann von der Spur ab, wenn der Fahrer abgelenkt ist - oder müde. Eine Müdigkeitserkennung registriert die typischen Lenkbewegungen, die dem gefährlichen Sekundenschlaf vorausgehen. In den USA ist an jedem sechsten tödlichen Unfall ein übermüdeter Fahrer schuld.

Heute können Autos gefährliche Situationen regelrecht interpretieren. Mit Hilfe von Radartechnik und Videosensoren, Bildverarbeitung und ausgefeilter Software wird etwa auf Fahrzeuge beim Überholen und Einscheren in ihre eigene Fahrspur reagiert: Hat sich der entgegenkommende Fahrer verschätzt, wird das eigene Auto bereits frühzeitig abgebremst, damit der Überholvorgang nicht in einem Chaos endet.

Auch Fußgänger und ihre Bewegungsrichtung fließen in die Bewertung durch die Computer mit ein. Verkehrszeichen am Straßenrand werden ebenfalls erkannt.

Das Verhüten von Unfällen gelingt auch über die Kommunikation der Fahrzeuge untereinander. Stationäre Messstationen senden lokale Warnungen vor Glätte, Unfällen oder dem Stau-Ende ans Fahrzeug. Dort reagieren Assistenzsysteme auf die Meldungen. Eine Bevormundung ist aber verboten: Wenn ein Fahrer bei einem Stauende überhaupt nicht vom Gaspedal geht, rauscht sein Auto nach wie vor ungebremst in den Vordermann.
© Südwest Presse 09.06.2011 07:45
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