'Gesundheitsreform hat ihren Namen nicht verdient'

Interview mit den Vorständen der AOK Baden-Württemberg Rolf Hoberg und Christopher Hermann
  • Will mehr Wettbewerb unter Leistungsanbietern: Rolf Hoberg, Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg.
Mit der Gesundheitsreform ist die AOK Baden-Württemberg nicht zufrieden. Das sagten die beiden Kassenvorstände Rolf Hoberg und Christopher Hermann anlässlich des AOK-Tages in Heidenheim.Ist die Gesundheitsreform gelungen?

ROLF HOBERG: Das vom Deutschen Bundestag mit Mehrheit verabschiedete 'Gesetz zur nachhaltigen und sozial ausgewogenen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung' verdient diesen Namen nicht. Mit dem 'GKV-Finanzierungsgesetz' wird durch die Beitragssatzanhebung hauptsächlich mehr Geld ins Gesundheitssystem gepumpt und kurzfristige Kostendämpfungspolitik betrieben.

Das GKV-Finanzierungsgesetz erhöht die Beiträge und damit Ihre Finanzierungsgrundlage. Ist das Gesetz in Ihrem Sinne gestaltet?

HOBERG: Ja und nein. Richtig ist, dass der Gesetzgeber handelt. Sonst würde der Gesetzlichen Krankenversicherung nächstes Jahr ein großes Defizit drohen. Insofern ist gesetzgeberisches Handeln grundsätzlich positiv zu bewerten. Allerdings beinhaltet das Gesetz eine Schieflage: Die Beitragszahler werden mehr belastet. Für die Zukunft gilt, dass alle nicht gedeckten Kosten allein von den Mitgliedern durch Zusatzbeiträge zu finanzieren sind.

Welche Forderungen stellen Sie an künftige politische Entscheidungen?

HOBERG: Notwendig wäre es, durch mehr Wettbewerb tatsächlich nachhaltig auf die Strukturen einzuwirken. Die Krankenkassen müssen verstärkt in die Lage versetzt werden, Selektivverträge mit Leistungsanbietern zu schließen - etwa mit Krankenhäusern für planbare Operationen. So könnte mehr Wirtschaftlichkeit erreicht werden.

Wie läuft das Hausarztprogramm?

CHRISTOPHER HERMANN: Das AOK-Hausarztprogramm fußt auf der richtigen Erkenntnis des Gesetzgebers, dass alle Krankenkassen ihren Versicherten eine besonders qualifizierte hausarztzentrierte Versorgung anbieten müssen. Dahinter steht die langjährige Erfahrung, dass eine feste Patient-Hausarzt-Beziehung bei entsprechend hochwertiger Ausgestaltung eine optimale Versorgungsform ist. Hier können die meisten gesundheitlichen Patientenprobleme gelöst und gleichzeitig eine gute Koordination und Betreuung im komplexen Gesundheitssystem gewährleistet werden.

Aber das ist ja nicht alles?

HERMANN: Darüber hinaus versprechen wir uns mit unseren Partnern auf der Ärzteseite, dem Hausärzteverband und dem Medi-Verbund, auch eine zielgenauere Versorgung. Durch die bessere Koordination und die besonderen Qualitäts- und Prozessstandards sehen wir erste Erfolge. Im Ergebnis nehmen heute fast 1 Mio. Versicherte der AOK Baden-Württemberg das Angebot wahr. Die Zufriedenheit ist sowohl bei Versicherten als auch bei Ärzten außerordentlich hoch.

Wie steht es mit Facharztverträgen?

HERMAN: Wie auch beim AOK-Hausarztprogramm ermöglichen Facharztverträge der AOK eine sinnvolle Versorgungsgestaltung, die konkrete regionale Verhältnisse berücksichtigt und gemeinsam mit den ärztlichen Partnern sinnvolle Leistungspakete und Vergütungsstrukturen definiert. Damit haben wir für die Bereiche Kardiologie und Gastroenterologie begonnen und wollen dies über die Bereiche Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie sowie Orthopädie 2011 weiter ausbauen. Heute nehmen am Facharztprogramm bereits mehr als 50 Prozent der teilnahmeberechtigten Ärzte und weit über 20 000 Versicherte teil. Wir erwarten, dass unser Qualitätsversprechen und die neue Art der Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten im nächsten Jahr mehrere hunderttausend AOK-Versicherte überzeugen wird.

Welche Schwerpunkte setzt die AOK Baden-Württemberg im Jahr 2011?

HOBERG: Wir wollen unsere Vorreiterrolle bei der Prävention ausbauen. Wenn wir uns vor Augen halten, welch vielfältige Anforderungen an die Menschen im täglichen Leben gestellt werden, dann erkennt man, dass Präventionsangebote ein Stück Lebensqualität sicherstellen können.

Wo steht die AOK BW bundesweit?

HOBERG: Die AOK Baden-Württemberg liegt, was Haushaltsvolumen und Mitgliederzahl betrifft, auf Rang 5 aller gesetzlichen Krankenkassen und ist die zweitgrößte AOK im Bundesgebiet. Die Arzneimittel-Rabattverträge verhandeln wir seit Beginn in Vertretung für alle AOKs, diese Verantwortung übernehmen wir gerne. Dabei leitet uns die Überzeugung, dass nur ein gemeinsames Arbeiten und der ständige Austausch Garant für eine starke AOK-Gemeinschaft sind. Es zeigt sich immer wieder, dass vor allem die Politik solche Gegengewichte braucht.

Worum geht es beim AOK-Tag?

HOBERG: Der AOK-Tag ist seit Gründung der AOK Baden-Württemberg 1994 ein wichtiges internes Forum, bei dem der Vorstand jährlich gegenüber den Mitarbeitern die aktuelle unternehmenspolitische Standortbestimmung vornimmt und die sich daraus ergebenden Herausforderungen erläutert. Daneben ist der AOK-Tag eine Kommunikationsplattform. Er findet an wechselnden Orten im Land statt, wodurch wir den dezentralen Aufbau des Unternehmens unterstreichen. Heuer geht es um die aktuelle Stufe der Gesundheitsreform und ihre Folgen sowie um Versorgungsthemen wie die hausarztzentrierte Versorgung.
© Südwest Presse 26.11.2010 07:45
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