Kampf dem Giftmüll

Gefährliche Stoffe in allen Elektrogeräten verboten - Ausnahme Solarzellen
In Elektrogeräten dürfen - nach einer Umstellungsfrist - keine giftigen Stoffe mehr enthalten sein. Eine Ausnahme lässt die neue Richtlinie der EU allerdings zu: Solarzellen können weiterhin Cadmium enthalten.Blei, Cadmium, Quecksilber: Die Europäische Union verbannt giftige Stoffe aus sämtlichen Elektrogeräten. Das Europaparlament verabschiedete gestern eine Neufassung der entsprechenden Richtlinie. Demnach sind die Giftstoffe nicht mehr nur in Fernsehern, Radios und Co. verboten, sondern auch in Spezialgeräten wie medizinischen Apparaten und IT-Anlagen.

Was zunächst ganz gut klingt, wird von den Kritikern allerdings heftig zerpflückt. Die Neuregelung sei löchrig wie ein Schweizer Käse, sagte der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen. Tatsächlich: Solarzellen dürfen weiterhin giftiges Cadmium enthalten.

Europa steht vor einem Müll-Problem: Allein 9,5 Millionen Tonnen elektrische Geräte werden jährlich in der EU verkauft. Alt-Apparate landen auf dem Müll und tragen so zum am schnellsten wachsenden Abfallstrom bei. Schätzungen zufolge wird der Berg an Alt-Geräten bis 2020 auf 12,2 Millionen Tonnen anwachsen.

In Computern, Haushaltsgeräten und Handys befinden sich Giftstoffe. Um der Gefahr, die hier lauert, Herr zu werden, verbietet die EU nun die Verwendung von Blei, Cadmium, Quecksilber und sechswertigem Chrom in fast allen Elektrogeräten. Hersteller von neu unter die Regeln fallenden Geräten haben acht Jahre Zeit, ihre Produktion umzustellen.

Dies gilt jedoch nicht für Produzenten, die Stoffe wie chlorierte und bromierte Flammschutzmittel, Phthalate und PVC verarbeiten. Dass diese Substanzen nicht in die Richtlinie aufgenommen worden sind, sorgte gestern für Kritik. 'Die Gesundheitsgefährdung, die von diesen Stoffen ausgeht, ist hinreichend belegt', sagte die Abgeordnete der Linken, Sabine Wils. Es wäre Aufgabe der EU gewesen den Produzenten Anreize zu geben, weniger Giftstoffe in ihren Produkten zu verwenden. 'Einige der führenden Hersteller bringen sogar seit Jahren Produkte ohne diese Gifte auf den Markt', so Wils.

Die EU begnügt sich nun damit, diese Substanzen zu identifizieren und auf die Liste derer zu setzen, bei denen Handlungsbedarf besteht. Eine regelrechte Ausnahme gibt es hingegen für die Hersteller von Solarzellen, die Cadmium enthalten. 'Das ist ein klarer Widerspruch', findet der FDP-Abgeordnete Holger Krahmer. Auch Solarzellen würden irgendwann entsorgt werden, das Cadmium könne die Umwelt belasten. 'Hier hat eine Lobby erfolgreich die eigenen Interessen vertreten', sagte Krahmer.

Die Entscheidung kommt vor allem dem Weltmarktführer First Solar zugute. Das US-Unternehmen hatte in Brüssel gekämpft und so die Ausnahme erreicht. Leidtragender ist der deutsche Konkurrent Solarworld, der in seinen Zellen kein Cadmium, sondern umweltschonendes und teureres Silicium verarbeitet.

Dass die Parlamentarier trotz all der Kritik die Neuregelung dennoch mit großer Mehrheit angenommen haben, erstaunt. Im Fall der Ausnahme für die Photovoltaikzellen argumentierte man, dass die grüne Energie eine potentielle Verschmutzung der Umwelt aufwiege. Zudem seien Zellen mit Cadmium auch in sonnenärmeren Gegenden einsetzbar. Die Parlamentarier wollen nun dafür sorgen, dass es sensible Rücknahme-Regelungen gibt.
© Südwest Presse 26.11.2010 07:45
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