Tauzeit bei Continental und Schaeffler

Vorstandschef Elmar Degenhart kämpft an vielen Ecken des Konzerns - und hat Erfolg
  • Conti-Chef Elmar Degenhart arbeitet an der Fusion mit Schaeffler. Foto: dpa
Eigentlich hatte er so gut wie keine Chance, aber die hat er genutzt: Elmar Degenhart hat den Autozulieferer Continental befriedet, aufgerichtet und bereitet ihn für die Zukunft mit Schaeffler vor.Als er seinen Job antrat, gaben ihm manche Experten die Überlebenszeit eines Fußballtrainers kurz vor dem drohenden Abstieg seines Vereins. Vom 'wohl heißesten Job in der deutschen Autoindustrie' war in den Medien die Rede, von 'Schleudersitz' und sogar 'Himmelfahrtskommando'. Elmar Degenhart sollte das Unmögliche möglich machen und die beiden Autozulieferer Continental und Schaeffler nach einer erbittert geführten feindlichen Übernahme auf die Beine stellen, wirtschaftlich gesunden und eine Fusion anpeilen. 12 Mrd. EUR Schulden drückten, der Ertrag war im Keller, bei der Entwicklung gab es Defizite und die Wirtschaftskrise legte sich wie eine bleierne Decke auf die Unternehmen.

'Es galt zunächst, ruhig zu bleiben', sagte der Conti-Chef nun nach über einem Jahr im Stuttgarter Wirtschaftspresseclub. 'Die Menschen sind in so einer Situation sensibilisiert und achten sehr darauf, was die Führungsmannschaft macht.' Degenhart musste Vertrauen zurückgewinnen und Selbstvertrauen geben. Und das so schnell, dass sogar 'zu wenig Zeit zum Informieren blieb, ich musste mich auf meinen Bauch verlassen'.

Dabei hatte der 59-Jährige noch nie einem so großen Unternehmen mit 134 000 Mitarbeitern vorgestanden. Der promovierte Luft- und Raumfahrttechniker arbeitete zuvor am Fraunhofer Institut, beim Autozulieferer ITT - dessen Mutter Teves von Conti übernommen wurde -, bei Bosch und beim Sitzhersteller Keiper Recaro. Bei Schaeffler leitete er die Automotive-Sparte, bevor er im August 2009 den von der Spitze gestoßenen Conti-Chef Karl-Thomas Neumann ersetzte.

Sein großes Problem ist bis heute die unterschiedliche Kultur der beiden Unternehmen und der emotionale Konflikt. Viele Mitarbeiter des Weltkonzerns Conti haben daran zu knabbern, dass sie von der exaltiert auftretenden Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler besiegt wurden. Diese hatte anfangs die Losung ausgegeben 'Wir kommen nicht als Bittsteller'. Das Klima zwischen Hannover und Herzogenaurach war entsprechend frostig.

Um die Meldepflicht zu umgehen, hatten Banken still und heimlich Aktien aufgekauft. Als die Gruppe 90 Prozent der Conti-Anteile übernehmen musste, war der Angebotspreis aber durch die Weltwirtschaftskrise von 75 EUR auf 20 EUR gefallen, das Familienunternehmen stand plötzlich mit knapp 11 Mrd. EUR Schulden da. Der Gewinn reichte nicht einmal zum Tilgen der Verbindlichkeiten. Dabei ist Schaeffler direkt nur mit gut 42 Prozent und indirekt über zwei Banken mit weiteren 33 Prozent an Conti beteiligt. Auch wenn die Unternehmen auf dem Papier gut zueinander passen - Conti macht Reifen und Elektronik, Schaeffler Mechanik - ist die Zusammenarbeit wohl schwierig. Noch immer sind beide rechtlich selbstständige Unternehmen und sollen das auch zunächst bleiben. Bis zu einem Zusammengehen gilt es zusammen mit beteiligten Banken, schwierige gesellschaftsrechtliche Probleme zu lösen.

Bislang wurde aber das scheinbar Unmögliche möglich: Der in Freiburg geborene Degenhart hat mit seiner ruhigen Art kompetent die Unternehmen befriedet, Probleme in Sparten gelöst, die Finanzsituation stabilisiert und den Fusionsprozess eingeleitet. 'Ich habe Vertrauen zurückgewonnen', stellt der Conti-Chef selbst fest. 'Dabei hat mir aber auch der Aufschwung geholfen.' In dem Unternehmen könne derzeit 'gar nicht so schnell aufs Gaspedal gedrückt werden, wie es nötig ist'. Weil Zulieferer des Zulieferers nicht rechtzeitig produzierten, kam es sogar zu einzelnen Verzögerungen. Das Schlimmste sei aber auch hier überstanden.

Jetzt müssen Besonderheiten von Conti in Angriff genommen werden. So ist der Konzern stark in den USA vertreten, wo allerdings die Zahl verkaufter Autos längst nicht so stark steigt wie in China. Für den Bau von Batteriezellen muss ein geeigneter Hersteller gefunden werden, möglichst mit Erfahrungen aus dem Endgeschäft mit Verbrauchern. Die Reifensparte soll nicht abgestoßen werden, sagte der Vorstandschef nun erneut. Vor allem aber gilt es, gemeinsame Einsparmöglichkeiten von Schaeffler und Conti zu heben, wie bereits jetzt etwa beim Bau von Turboladern, sagte Degenhart: 'Das könnte ein Modell für Zusammenarbeit sein.'
© Südwest Presse 17.09.2010 07:45
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