Fernsehen der dritten Art

3D ist der Renner auf der Ifa in Berlin
Aus dem Bild herausschwimmende Enten und Bälle, die einem scheinbar um die Ohren fliegen: Dreidimensionales Fernsehen ist der Hit auf der Ifa. Bisher gibt es wenige Inhalte - aber sogar schon Fotokameras.Im vergangenen Jahr haben sich viele Besucher der Internationalen Funkausstellung (Ifa) verwundert die Augen gerieben: Wie Kai aus der Kiste tauchten plötzlich 3D-Fernseher auf. Vor den Geräten drängten sich Menschen mit dicken Brillen auf den Nasen und fachsimpelten über die dreidimensionalen Bilder, die ihnen der Fernseher bot.

Damals wussten selbst Experten nicht, ob das Aufflammen des schon aus den Kinos der 50er Jahre bekannten Effekts räumlicher Bilder bald wieder von der Bildfläche verschwunden sein wird.

Am heutigen Starttag der Ifa 2010 ist klar: 3D ist der wichtigste Trend der bis Mittwoch geöffneten Messe. Fast alle Fernseh-Hersteller präsentieren Geräte mit Bildern, bei denen man nicht mehr nur dabei, sondern auch mittendrin sein soll. Die Hersteller, die schon länger Preisstürze bei ihren Flachbildschirmen hinnehmen mussten, freuen sich über das Interesse an den 200, 300 EUR teureren Fernsehern. Seit März sind die Geräte zu haben und werden in homöopathischen Dosen verkauft. Doch dies soll nicht so bleiben: Der Branchenverband Bitkom rechnet mit einem Absatz von 100 000 Stück bis Ende des Jahres. Weltweit sollen 6 Mio. 3D-Fernseher über die Ladentheke gehen. Das Marktinstitut IMS Research prognostiziert sogar, dass 2014 jeder zweite Haushalt in den USA Bilder der dritten Art sieht.

Die Technik unterscheidet sich stark von früheren Versuchen mit Pappbrillen. Die so genannten etwa 100 EUR teuren Shutterbrillen bestehen aus abwechselnd abgedunkelten Flüssigkristallgläsern. Das träge menschliche Auge bekommt im schnellen Wechsel unterschiedliche Bilder für das rechte und linke Auge geliefert.

Ganz ausgereift scheint die Technik allerdings noch nicht zu sein. So glaubt das renommierte Computermagazin c't, dass Besitzer, die ihr Wohnzimmer nicht abdunkeln können, wenig Spaß an der Technik haben dürften. Die Stiftung Warentest stellt bei einem Gerät Geisterbilder fest, die der Betrachter zusätzlich zum normalen Bild sieht - ein auch bei anderen 3D-Fernsehern zu beobachtendes Problem. Leichte Übelkeit und Kopfschmerz können ebenfalls Begleiterscheinungen sein, die auch aus aktuellen 3D-Kinovorführungen bekannt sind. Für Michael Langbehn von Panasonic sind dies allerdings Kinderkrankheiten, die es bald nicht mehr geben wird und bei Plasmageräten nicht auftreten.

Christoph de Leuw von der Zeitschrift 'Audio Video Foto Bild' empfiehlt, beim Kauf eines neuen Fernsehers mit einer Diagonale über 100 Zentimetern gleich die zukunftssichere 3D-Funktion mitzuordern.

Bislang gibt es allerdings nur wenige Inhalte. 3D-Filme für das notwendige Abspielgerät Blu-ray gibt es nur eine Handvoll zu kaufen. Selbst der erfolgreichste Kino-Film aller Zeiten 'Avatar', der den 3D-Boom so richtig befeuerte, soll erst im November in der neuen Version in den Läden liegen. Im Fernsehen ist nichts von 3D zu sehen. Tennis-Spiele wurden bereits übertragen und Fußball. 'Dabei ist verglichen mit Blu-ray nur die Bildschärfe nicht ganz so perfekt', sagt de Leuw. Anfang 2011 will der britische Sender BskyB wohl einen ersten 3D-Kanal starten.

Auch ARD und ZDF sind noch voll mit der Umstellung auf das superscharfe HD-Fernsehen beschäftigt. Die Stuttgarter Pressestelle teilt mit: 'Wir beobachten natürlich die Entwicklung. Im Moment ist 3D aber kein Thema für die ARD.'

Die Hersteller indes halten sich mit Neuheiten nicht zurück. Panasonic und Sony zeigen bereits Foto-Kameras, die räumliche Bilder schießen. Als Weltneuheit wird auf der Ifa eine 3D-Filmkamera von Panasonic gezeigt

(siehe nebenstehendes Foto). Beide Hersteller bringen auch Videospiele mit Tiefeneffekt - eine der begehrtesten Stände auf der Ifa.

Irgendwann wird es auch die etwas lästige Brille nicht mehr brauchen, ist sich PR-Manager Gerrit Gericke von Sony sicher. 'Aber das kann noch fünf oder sechs Jahre dauern.' Denn die dazu notwendigen ultrahochauflösenden Bildschirme kosten noch 25 000 EUR. 'Vielleicht wird es aber auch nie soweit sein und wir haben gleich holographisches Fernsehen, das mitten im Raum ohne Bildschirm stattfindet.'
© Südwest Presse 03.09.2010 07:45
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