Wandel auf dem Pharmamarkt

Branchenexperte Danner sieht großes Wachstumspotenzial
Die Zeiten für die erfolgsverwöhnte Pharmabranche scheinen vorbei. Generikaspezialisten wie Teva setzen die Konzerne unter Druck. Daher richten sich viele neu aus, sagt Pharmaexperte Stephan Danner.. Die Übernahme des Ulmer Arzneimittelherstellers Ratiopharm durch den israelischen Teva-Konzern wird sich nach Einschätzung von Stephan Danner, Pharma-Experte und Partner der Strategieberatung Roland Berger, nicht unmittelbar auf den deutschen Pharmamarkt auswirken. Die Konditionen für das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Generika legen in Deutschland weitgehend die Krankenkassen mit ihren Rabattverträgen fest. Was Produktion sowie Forschung und Entwicklung angehe, habe der Pharmastandort Deutschland aber bereits in den vergangenen Jahren deutlich gelitten.

Das liegt nach Danners Worten daran, dass es in der weltweiten Pharmaindustrie einen Überhang an Produktionsstätten gibt. Daher stehe auch eine weitere Konsolidierung bevor. Da die Branche ihre Wachstumschancen in den Schwellenländern sehe, investierten die Konzerne überwiegend dort, sagte Danner. In Sachen Forschung und Entwicklung habe Deutschland in der Vergangenheit einen Aderlass hinnehmen müssen. Pharma-Forschung finde viel in den USA statt; und künftig verstärkt in China und Indien. Das liegt, neben der wachsenden Bedeutung der Märkte, auch an der großen Zahl der qualifizierten Kräfte und Forscher. In Deutschland müsse die Förderung von Forschungszentren wieder eine stärkere Rolle spielen.

Angesichts der großen Zahl an Patentabläufen, den immensen Kosten neuer Arzneimittel, dem Kostendruck in den Gesundheitssystemen und strengeren Sicherheitsanforderungen an Medikamente werden sich aber insbesondere forschende Pharmakonzerne neu ausrichten müssen. 'Sie stehen unter Druck, während es bei Generikaherstellern wie Teva/Ratiopharm ein signifikantes Mengenwachstum geben wird,' erläuterte Danner.

Der Trend in der Branche vor sechs, sieben Jahren war weg von dem margenschwächeren Geschäft mit Generika, hin zu hochpreisigen Spezialpräparaten beispielsweise in den Bereichen Onkologie und Diabetes. 'Alle wollten damit ihr Geschäft machen. Nun stehen die Pharmakonzerne vor der Frage, woher das künftige Wachstum kommen soll', sagt Danner.

Daher stellen sich die großen Anbieter wieder breiter auf, bauen ihr bereits vorhandenes Generika-Geschäft aus oder schauen sich nach Generikaanbietern um. So versuchen sie die Umsatzeinbußen, die durch das Auslaufen von Patenten entstehen, zumindest zu einem Teil zu kompensieren, indem sie das Medikament selbst als Generikum anbieten. Dabei kommen auf an der Börse notierte forschende Pharmariesen jedoch Probleme zu, wenn infolge dieser Unternehmenspolitik der Ertrag unter Druck gerät.

Doch auch der Wettbewerb um Nachahmermedikamente wird immer härter. Für Danner ist daher der Ratiopharm-Kauf durch Teva nur ein Schritt im Rahmen der weltweiten Konsolidierung. Der Kauf des Ulmer Arzneimittelherstellers stelle für den Teva-Konzern, der über eine breite Wirkstoffpalette verfügt, eine Hebelwirkung dar, in Europa schnell zu wachsen.
© Südwest Presse 27.08.2010 07:45
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