Schokolade bleibt an einem hängen

Die 'Rübezahl'-Brüder Claus und Oliver Cersovsky haben erstaunlich viele Gemeinsamkeiten
  • Brüder und Schleckmäuler: Oliver (links) und Claus Cersovsky, die Chefs von Rübezahl. Vor dem Großplakat mit ihrem Marketing-Zugpferd und Sterne-Koch Harald Wohlfahrt ist derzeit ihr liebster Platz im Unternehmen. Foto: Helmut Schneider
Wie schnell hat man Süßes satt. Eine Tafel Schokolade ist lecker, aber eine ganze Fabrik davon? Die beiden Chefs von 'Rübezahl' sehen das ganz anders. Sie kommen niemals weg von den Süßigkeiten.Nicht alles haben die beiden Brüder gemeinsam, aber doch erstaunlich vieles. Beide wollten als Kind Pilot werden und haben dann auch später den Privatpilotenschein gemacht. Ihre Ausbildung war zwar etwas anders ausgerichtet, hatte aber das selbe Ziel. Seit mehr als 20 Jahren leiten die Brüder Claus und Oliver Cersovsky die schwäbische Schokoladenfirma Rübezahl in dritter Generation.

Wer von Kindesbeinen an mit Schokolade groß wird, könnte ihrer bald überdrüssig werden. Nicht so die Brüder. Sie naschen auch heute noch gerne - 'jeden Tag' antworten sie im Gleichklang. 'Wenn man einmal Schokolade an den Fingern hat, kriegt man sie nicht los', sagt Claus Cersovsky, der um ein Jahr Ältere.

Dass er gleich nach dem Betriebswirtschaftsstudium - zeitweise in den USA - in die Familienfirma einstieg, war so nicht vorgesehen. Gerne hätte er zuvor noch in anderen Firmen praktische Erfahrungen gemacht. Doch 1988 stand die Übernahme eines Konkurrenten an und der Vater meinte, dies sei ein geeigneter Einstieg für seine beiden Söhne. Zumal Claus das kaufmännische Rüstzeug und Oliver den Meisterbrief in Süßwarentechnik hatte.

Mit dieser Arbeitsteilung - hier der Theoretiker, dort der Praktiker - sind sie gut gefahren. 'Wir verstehen uns sehr gut', sagt der Jüngere. 'Auch weil jeder seinen Bereich hier hat', ergänzt der Ältere. Der Vater hat sie nicht in die Verantwortung gedrängt. Auch Familienfirmen sollten niemals die Führung als Erbfolge betrachten, sagen sie.

Zweifel an ihrer beruflichen Zukunft hatten sie beide zu keinem Zeitpunkt. Als Schüler arbeiteten sie am Wochenende und in den Ferien wie selbstverständlich in der Firma mit. 'Es gibt hier keinen Job, den wir nicht schon gemacht hätten', sagt Oliver Cersovsky.

Das für Laien so Erstaunliche bei Firmenbesuchen ist, dass jedes Produkt eine nahezu unendliche Formenvielfalt auszuprägen scheint. Aus einem simplen Metallnagel wird so ein komplexes Befestigungssystem. Und deshalb ist auch Schokolade nicht gleich Schokolade. 'Uns gehen die Ideen nicht aus', sagt Oliver Cersovsky. Das klingt zusammen mit der Ergänzung, lediglich eine von hundert angedachten Innovationen setze sich letztlich durch, noch überraschender.

Auch so ist die Artenvielfalt alles andere als bedroht. Hasenohren und Hohlfiguren gibt es im Rübezahl-Prospekt zu Ostern, ferner geschminkte Osterhasen und Tell-Äpfel, und längst nicht jedes Ei gleicht dem anderen - von ihren vielen Inhalten ganz zu schweigen. Selbst die Verpackung ist eine Philosophie für sich: Misch-, Reiter-, Flach und Standbeutel. Für den Vertrieb macht das offenbar großen Unterschied.

Mit den beiden Brüdern könnte man locker fünf Stunden lang nurüber die unzähligen Geschmacksrichtungen von Schokolade unter länderspezifischen Gesichtspunkten reden und darüber, warum in Australien vor allem das Osterhasen-Geschäft brummt. Um wie viel vielschichtiger muss es da sein, eine alte und bekannte deutsche Marke neu aufzubauen. Die schwäbische Familienfirma macht dies seit zwei Jahren mit der Edelmarke Gubor.

Markenaufbau ist vor allem auch Marketing. Die Cersovsky-Brüder haben dafür den Starkoch Harald Wohlfahrt gewonnen. Dessen Kreation hat mit der einfachen Schnapspraline nicht mehr so viel gemeinsam: 'Williamsbrand in dunklem Trüffel mit Wacholderbeeren' kommen hier beispielsweise in die Tüte. In Tübingen ließ sich OB Boris Palmer in Gubor-Schokolade aufwiegen, und beim Sommerfest des Bundespräsidenten auf Schloss Bellvue haben die Schwaben für 4000 Gäste das Dessert vorgehalten.

In dieser Liga spielt Rübezahl/Gubor heute. Dabei können sich die Brüder noch daran erinnern, wie ihre Großmutter die Schoko-Hasen und -Weihnachtsmänner eigenhändig eingetütet hat. Heute müssen sie sich mit Mühsamkeiten der anderen Art herumschlagen. Mit europäischen Vorschriften zu allen möglichen Aspekten des Lebensmittelrechts, der Kennzeichnung, der Logistik und Lagerung. 'Wir beschäftigen drei Mitarbeiter, die allein dafür zuständig sind, was auf den Verpackungen drauf stehen muss', sagt Claus Cersovsky ungehalten: Mit solchem 'regulativem Wahnsinn' werde man jeden Tag konfrontiert.

Was macht den Erfolg einer Familienfirma? 'Das gute Team', sagen beide wieder unisono. Und die gute Ausbildung, schiebt Oliver Cersovsky nach. Er hat Süßwarentechniker gelernt, nur 50 Azubis gibt es davon in Deutschland, wo auch die weltweit einzige Berufsschule steht. Man müsse im Unternehmen ein 'positives und faires Umfeld' schaffen, dann bekomme man auch ein gutes Team. Rübezahl zahlt Tarif, darüber hinaus aber auch noch Zulagen, die bis zu 15 Prozent ausmachen können. Leistung soll sich lohnen, sagen die Chefs: 'Wenn es der Firma gut geht, hat auch der Mitarbeiter was davon.'

Auch im Urlaub geht ihnen die Firma nicht aus dem Sinn. In welches Land auch immer sie hinkommen, kaufen sie Schokolade - für die tägliche Dosis, aber natürlich auch als Anregung für neue Ideen. So ist das wohl, wenn mal einmal Schokolade an den Fingern hat.
© Südwest Presse 14.08.2010 07:45
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