KOMMENTAR: Gefährliche Zwickmühle

Große Hoffnungen setzt die Deutsche Post auf ihr neues Angebot: den Online-Brief. Verlässlich soll er sein und vertraulich. Behörden und Firmen sollen Urkunden und Verträge rechtsverbindlich verschicken können. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung des Geschäftslebens und des Alltags vieler Verbraucher scheint das auf den ersten Blick eine gute Idee zu sein, damit die Post die rückläufigen Erträge im herkömmlichen Briefgeschäft ausgleichen kann. Denn E-Mails haben bestenfalls den Vertraulichkeitsgrad einer Postkarte. Doch auf den zweiten Blick produziert der Bonner Konzern eine gefährliche Zwickmühle.

Denn der wegen der elektronischen Konkurrenz immer stärker schrumpfende Briefmarkt stellt seit Jahren eine große Ertragsstütze dar. Dabei entfallen mehr als vier Fünftel des Volumens auf Unternehmen und Behörden. Bietet die Deutsche Post nun einen attraktiven Preis für ihren Online-Brief, gräbt sie sich selbst das Wasser in ihrem Stammgeschäft ab. Empfinden die Kunden ihn zu hoch, werden sie das Angebot nicht nutzen. Zudem arbeitet die Deutsche Telekom an einem ähnlichen Projekt. Weil gleichzeitig die Post-Konkurrenz im herkömmlichen Zustellgeschäft zunimmt, ist nur eines sicher: Die Post geht schweren Zeiten entgegen. ALEXANDER BÖGELEIN
© Südwest Presse 04.03.2010 07:45
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