Die strahlende Anne

Areva-Chefin Anne Lauvergeon ist die mächtigste Frau Frankreichs
  • Anne Lauvergeon weiß genau, wie Politiker funktionieren
Ihre forsche Art hat ihr oft geholfen, sich durchzusetzen, ihr aber auch eine Menge Feinde eingebracht. Anne Lauvergeon, Chefin des französichen Atomkonzerns Areva, verträgt keine Niederlagen.Sie las Tolstoi, als über Weihnachten der Anruf kam. Ein Präsidentenberater teilte der Chefin des Atomkonzerns mit, dass ihr ein fetter Auftrag durch die Lappen gegangen sei. 20 Mrd. EUR standen auf dem Spiel. Doch die Vereinigten Arabischen Emirate wollten ihre Atomreaktoren doch lieber von den Südkoreanern bauen lassen als von den teureren Franzosen.

Ein heftiger Schlag für Anne Lauvergeon, Chefin des französischen Atomkonzerns Areva. Doch Lauvergeon lässt sich so leicht nicht entmutigen. Sonst wäre sie nie das geworden, was sie heute ist: Die mächtigste Frau Frankreichs, deren Konzern weltweit mehr als 75 000 Beschäftigte hat und mehr als 13 Mrd. EUR Umsatz macht. 'Niederlagen vertrage ich nicht', sagte die 50-Jährige einmal über sich.

Lauvergeon spaltet Meinungen wie Atome: Die einen sehen in ihr die brillante, unerschrockene Geschäftsfrau, die auch Politikern die Stirn bietet. Selbst Präsident Nicolas Sarkozy gab sie einen Korb, als dieser sie auf einen Ministerposten holen wollte. Ihre Gegner hingegen halten sie für eine eiskalt lächelnde Domina auf Stöckelschuhen, die ihre Machtposition immer weiter ausbaut und skrupellos Atomkraftwerke in alle Welt verkauft - ohne mögliche Folgen für die Umwelt zu bedenken.

Ihren Erfolg in der Geschäftswelt verdankt Lauvergeon nicht zuletzt der Tatsache, dass sie genau weiß, wie Politiker funktionieren. Der sozialistische Präsident François Mitterrand war auf die junge Physikerin aufmerksam geworden und machte sie zur Chefunterhändlerin, die für ihn die internationalen Gipfeltreffen vorbereitete. In dieser Zeit hat sie nicht nur das knallharte Verhandeln gelernt, sondern vor allem wertvolle Kontakte geknüpft.

Als sie 1999 nach einem Abstecher zu einer Bank in New York in die Atomindustrie wechselte, galt die Sparte als verstaubt und intransparent. Als Symbol der neuen Offenheit ließ Lauvergeon Webcams in der Wiederaufbereitungsanlage in La Hague installieren. Zwei Jahre nach ihrer Ernennung zur Chefin des Uran-Konzerns Cogéma wirbelte sie die komplette Sparte auf. Aus der Fusion mit dem Reaktorbauer Framatome entstand der Konzern Areva, den sie - von den Uranminen über die Reaktoren bis zur Wiederaufbereitung - zum weltweit führenden Anbieter machen will.

Derzeit steht Lauvergeon mächtig unter Druck: Siemens hatte Anfang 2009 seinen Ausstieg aus Areva NP angekündigt, um sich stattdessen mit dem Russen Rosatom zusammenzutun. 'Das hilft uns, die Kapitalerhöhung zu beschleunigen', bemerkte Lauvergeon trocken, als sie den Schock verdaut hatte. Der EPR-Reaktor in Finnland, den Areva gerne als Vorzeigeobjekt für den Export nutzen würde, macht auch Probleme: Die Arbeiten verzögern sich, die Kosten steigen und die Atombehörden haben Sicherheitsmängel festgestellt.

Lauvergeon hofft, vom weltweiten Aufschwung der Atomkraft in Folge des Klimawandels zu profitieren und betont immer wieder, dass Atomenergie so gut wie keine Treibhausgase produziere. Über ihr Privatleben dringt hingegen nur wenig an die Öffentlichkeit. Mit 40 bekam sie das erste von zwei Kindern. Interviews gibt sie selten, in der Klatschpresse taucht sie auch nicht auf. Für Anne Lauvergeon ist die wichtigste Energiequelle immer noch die eigene Familie.
© Südwest Presse 21.01.2010 07:45
749 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?