Mittelstand in der Klemme

In Baden-Württemberg sehen Sparkassen Betriebe besonders gefährdet
Jeden fünften Mittelständler hat die Wirtschaftskrise nach Einschätzung der Sparkassen schwer getroffen. Jeder 20. ist sogar akut gefährdet. Besonders schwierig ist die Lage in Baden-Württemberg.Die viel beschworene Kreditklemme können die Sparkassen auf absehbare Zeit nicht erkennen. Trotzdem beobachten sie mit Sorge, dass bei vielen Unternehmen das Eigenkapital knapp wird. 'Wir befürchten, dass es hier im zweiten Quartal dieses Jahres zu Problemen kommen könnte, wenn sich nicht bis dahin ein deutlicherer Aufschwung abzeichnet als bisher', warnte Karl-Peter Schackmann-Fallis, Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), gestern in Berlin.

Die jährliche Umfrage des Verbandes bestätigt, dass Baden-Württemberg besonders stark betroffen ist: Hier schätzen drei Viertel der Sparkassen, dass sich die Eigenkapitalausstattung ihrer mittelständischen Kunden eher verschlechtert hat. In Bayern meint das nur jedes zweite Institut; bundesweit sind es gut 60 Prozent. Bei zwei von drei Mittelständlern im Südwesten beurteilen die Sparkässler die aktuelle Lage als eher negativ. Das entspricht etwa dem Bundesdurchschnitt. In Bayern ist die Situation offenbar etwas besser.

Kein Wunder, dass die Firmen bei den Investitionen auf die Bremse treten: 56 Prozent der Sparkassen in Baden-Württemberg haben in den letzten Monaten dem Mittelstand hierfür weniger Mittel zur Verfügung gestellt, nur jede zehnte hat mehr Kredite vergeben. Das sind bundesweit die schlechtesten Zahlen. In Bayern berichtet jede vierte Sparkasse von mehr Mitteln und nur 47 Prozent von weniger, was etwa dem Bundestrend entspricht.

Jeder vierte mittelständische Firmenkunde in Baden-Württemberg ist nach Einschätzung der Sparkassen schwer angeschlagen, verfügt aber über eine gesunde Substanz. Bundesweit sind es nur 14 Prozent. Für in der Existenz bedroht halten sie im Südwesten 6,6 Prozent der Betriebe. Im Bundesschnitt ist es ein Prozentpunkt weniger.

Trotz dieser düsteren Zahlen gibt sich der Dachverband der Sparkassen optimistisch: Er rechnet 2010 mit Wachstum in fast allen Wirtschaftsbereichen. Bei den tragenden Säulen im Südwesten, dem Maschinenbau und der Automobilindustrie, dürfte es aber mit 2 beziehungsweise 3 Prozent schwach ausfallen. Am schnellsten dürften sich unternehmensnahe Dienstleistungen wie der IT-Sektor sowie der Groß- und Außenhandel erholen.

Bei der Kreditversorgung des Mittelstands klopfen sich die Sparkassen selbst auf die Schultern: Sie haben ihre Zusagen 2009 um 5,5 Prozent gesteigert. Das Volumen von 62,1 Mrd. EUR war auch im Vergleich der letzten fünf Jahre der beste Wert. Das sei 'für sich allein schon ein Sonderkreditprogramm', sagte Schackmann-Fallis. Im Moment würden zugesagte Kredite eher gar nicht abgerufen. Darlehen scheiterten derzeit nicht an den fehlenden Mitteln, sondern höchstens an der fehlenden Bonität der Kunden. Daran könnten auch Appelle der Politik nichts ändern. Er warb um Verständnis dafür, dass die Institute mehr Informationen verlangen: Dies sei unumgänglich, um auch problematischen Kunden noch Kredite geben zu können.

Zumindest eine Gruppe hat teilweise Probleme bei der Kreditversorgung, gibt Schackmann-Fallis zu: größere mittelständische Unternehmen, die sich bisher auf Groß- und Auslandsbanken verlassen haben. Denn diese haben ihre Kredite deutlich zurückgefahren. Die Sparkassen-Gruppe verspricht ihnen Sonderkreditprogramme und Eigenkapitalhilfen. Allein 2009 hat sie etwa 400 Mio. EUR Eigenkapital neu vergeben, und dieses Engagement will sie noch verstärken.

Ein weniger positives Bild zeichnet eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) unter rund 4000 exportorientierten Firmen: Ausgerechnet für Branchen, die wieder mehr Aufträge aus dem Ausland bekommen, verschlechtern sich derzeit die Kreditkonditionen für das Exportgeschäft. Darüber klagt jeder dritte Maschinenbauer und jeder vierte Fahrzeugbauer. Die größten Probleme hat der Exportgroßhandel, wo 4 von 10 Unternehmen von Schwierigkeiten berichten.

Als Grund sieht der DIHK, dass die Kreditinstitute die Abnehmerländer derzeit als deutlich riskanter einstufen als vor der Krise. Folge: Nicht nur die Zinsen steigen, sondern auch die Anforderungen an die Sicherheiten und die Kosten für die Kreditversicherungen. DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann warnte, dies könne den Aufschwung gefährden.
© Südwest Presse 21.01.2010 07:45
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