Hart umkämpfter Markt

Molkereien stärken mit Spezialisierung ihre Wettbewerbsposition
  • Die Hohenloher Molkerei in Schwäbisch Hall hat sich auf das Milchgeschäft spezialisiert. Im Bild ein Blick in die Abfüllhalle. Archivfoto
Der Milchmarkt berappelt sich wieder. Die Molkereien im Land setzen auf eine nachhaltige Trendwende beim Milchpreis. Spezialisierung soll die Position gegenüber dem Handel zu verbessern.In der Milchwirtschaft bessert sich die Stimmung. 'Der Markt hat sich deutlich gefestigt', sagt Martin Boschet, Geschäftsführer der Hohenloher Molkerei in Schwäbisch Hall. Dafür macht er , wie auch Fritz Fallscheer, Geschäftsführer der Milchwerke Schwaben (Ulm/Neu-Ulm), zunächst neben saisonalen Gründen - im Oktober und November gibt es stets am wenigsten Milch - auch die EU-Agrarpolitik verantwortlich. Brüssel hortet seit dem Absturz des Milchpreises im Frühjahr auf nur noch 22 bis 24 Cent netto je Liter wieder im größeren Stil Butter und Milchpulver.

Zudem zieht auch die Nachfrage wieder an - am Weltmarkt wie im heimischen Geschäft, sagt Boschet. Verantwortlich dafür macht er den Preisverfall des letzten halben Jahres, der nicht zuletzt die Industrie wieder zu ihren angestammten Fettlieferanten zurückführt. Sie hatte der Branche vor drei Jahren den Rücken zugekehrt, weil die Milchpreise wegen eins weltweit leer geräumten Marktes auf mehr als 40 Cent geschnellt waren.

Die Molkereichefs lassen aber keinen Zweifel daran, dass auch Milchpreise von gut 27 Cent für die Landwirte 'noch immer nicht auskömmlich sind', so Fallscheer. Für Boschet markieren sie lediglich den Beginn der Erholung, 'auf Dauer muss eine drei vorne sein'.

Dass sich Angebot und Nachfrage am Milchmarkt wieder näherkommen, liegt aber auch daran, dass die Überproduktion der letzen 18 Monate ausläuft, zu der sich die Milchbauern von der Preishausse hatten verleiten lassen. 'Die Rohstoffmenge war zu hoch. Jetzt gibt es wieder eher einen Ausgleich', meint Boschet.

Für Fallscheer steht vor diesem Hintergrund für eine erfolgversprechende Strategie der Molkereien gegenüber dem Handels außer Frage: 'Die Mengenanpassung beginnt bei den Lieferanten, denn der Tank muss jeden Tag geleert werden.'

Spezialisierung und Veredelung nennen Boschet und Marcel Mohsmann, der Chef der Allgäuland Käsereien in Wangen, als weiter Bausteine. Die Hohenloher Molkerei setzt statt Milch nur nach Italien zu exportieren auf das Konsumentengeschäft und ist hier bundesweit die Nummer fünf mit einem täglichen Ausstoß von 1 Mio. Packungen H-Milch oder länger haltbarer Fischmilch. Der Hand voll Handelsriesen und Discounter stehen in diesem Marktsegment 'sicher keine zehn wesentliche Anbieter gegenüber, was die Marktmacht des Handels wesentlich relativiert, betont der Chef der Hohenloher Molkerei. Er sieht in der ausdrücklichen regionalen Verankerung gegenüber dem Handel ein weiteres Plus im Wettbewerb mit anonymen Großanbietern: 'Das schafft Glaubwürdigkeit.' Boschet ist allerdings froh, dass die 'Entscheidung für die Veredelung' schon 2005 fiel. 'Heute wäre es dafür wohl zu spät.'

Bei Allgäuland entschloss man sich erst auf dem Höhepunkt der Krise zu einer 'Strategiewende mit einer Konzentration auf die Kernkompetenz Käse und einem Rückzug aus weiten Teilen des weißen Sortiments', sagt Mohsmann. Sein Ziel ist es, eine höhere Wertschöpfung zu erreichen. 'Deutschland ist ein gesättigter und hoch umkämpfter Markt, in dem es nicht unsere Aufgabe ist, die Regale der Discounter zu füllen.' Deshalb bleibt vom Frischegeschäft auch nur die regionale Vermarktung gentechnikfreier Bergbauernmilch übrig.

Auch Fallscheer sieht in höherwertigen Frischmilchprodukten nur teilweise eine auf Dauer erfolgversprechende Strategie, die eine bessere Wertschöpfung garantiert. Der Grund: Kurzfristig üben die Verbraucher wegen der Wirtschaftskrise und rückläufigen Einkommen Kaufzurückhaltung.

Vor diesem Hintergrund hält sich auch beim Chef der Milchwerke Schwaben die Begeisterung für Kooperationen zwischen Molkereien in Grenzen. 'Ein Verkäufer ist nie über alle Produkte hinweg gleich erfolgreich.' Wenn sich aber Preisveränderungen ungleichmäßig auf das Sortiment verteilen, 'ist er nur eine Frage der Zeit, bis Verteilungskonflikte ausbrechen'. Auch Boschet hat Bedenken. Größe bedeutet nicht automatisch Marktmacht: 'Wer unter Vermarktungsdruck gerät, kommt schnell in eine schwächere Position.'

Dies um so mehr, als die Chancen, überschüssige Milch im Export zu entsorgen gering sind: 'Nur hoch konzentrierte Produkte wie Butter, Milchpulver oder Käse' sind weltmarktfähig. Und dort müssen sich einem harten Konkurrenzdruck stellen 'mit Preisen, die in der Regel niedrigeren sind als im Inland', betont Fallscheer.
© Südwest Presse 14.11.2009 07:45
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