'Der Mob stürmt die Schalter. Dürfen wir schließen?'

Vor 50 Jahren entdeckte die Deutsche Bank den Kleinkunden - Reumütige Rückkehr zum früheren Geschäftsmodell
  • Heute bekommt man Geld aus Automaten: Vor 50 Jahren tat sich die Deutsche Bank noch schwer mit Kleinkrediten für Hinz und Kunz. Archivfoto
'Wo jibt et hier dat Moos?' So fragte vor 50 Jahren ein Mann bei der Deutschen Bank. Der Kleinkredit wurde damals gegen größte Bedenken eingeführt. Heute ist er eine Säule des neuen alten Geschäfts.Die Deutsche Bank will sich offenbar viel schneller als bislang geplant die Mehrheit an der Postbank sichern und nicht erst 2012, wie mit der Post vereinbart. Jedenfalls kauft sie angeblich kräftig Postbank-Papiere, um ihren Anteil von 25 plus einer Aktie, den sie Ende Februar hielt, weiter aufzustocken. Damit will die Bank ihre Position im Privatkundengeschäft weiter ausbauen - einer Sparte, die vor 50 Jahren mit größter Skepsis in Angriff genommen wurde und zwischenzeitlich vor dem Aus stand.

'Wo jibt et hier dat Moos?' Im Mai 1959 trat mit diesen Worten ein junger Mann an einen Schalter einer Filiale der Deutschen Bank im Ruhrgebiet, in der Hoffnung, gleich einen Kleinkredit mit nach Hause nehmen zu können. Was heute auch bei Großbanken Alltag ist, war damals ein absolutes Novum: der Kleinkredit für den kleinen Mann.

Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank hatten bis dahin einen Bogen um diese Klientel gemacht und sich vor allem vermögenden Kunden gewidmet. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard aber forderte die Banker auf, sich dem Normalbürger zuzuwenden, 'auch wenn der Personalkredit mühevoll und kostspielig' sei. Es gehöre aber zu den Aufgaben eines Bankers, dass man auch mal ein paar hundert Markt verleihe, ohne dass dafür gleich Haus und Hof verpfändet werden müssten.

Die Anfänge des Privatkundengeschäftes waren holprig. 'PKK' sollte den einfachen Bürger in die Filialen der Deutschen Bank locken: der 'Persönliche Klein-Kredit', den der Kunde frei nach seinem Wunsch verwenden konnte. Bis zu 2000 DM für 24 Monate stellte die Bank zur Verfügung. Zur Überraschung der Banker standen die Kunden nicht nur Schlange, sie kamen zuhauf. 'Der Mob stürmt die Schalter. Dürfen wir schließen?', wandte sich damals ein verzweifelter Filialleiter an die Zentrale der Deutschen Bank.

Trotzdem war die Skepsis der meist hochnäsigen Großbanker beträchtlich. Wo man doch mehr mit großen Industriekonzernen und den reichen Deutschen zu tun hatte. Zumal der erste Kleinkredit bei der Deutschen Bank in die Hose ging: 300 DM, die ein Kleinkunde für den Kauf eines Schlachtschweins bekam, waren weg. Der Mann hatte den Lohnstreifen gefälscht. Auch der damalige Vorstandssprecher Hermann Josef Abs soll vom Geschäft mit dem gemeinen Bürger nicht begeistert gewesen sein. Manche Banker mokierten sich unverhohlen über das 'Kleingärtnergeschäft'. Bei Krediten für 'Hinz und Kunz' könne man den Betrag gleich abschreiben.

Doch die eher arroganten Skeptiker wurden Lügen gestraft. Nach sechs Monaten hatte die Deutsche Bank bereits 123 000 Kleinkredite vergeben, wobei schließlich weniger als 1 Prozent Not leidend wurden. Auf einmal wurde für die Großbanken auch das Einlagengeschäft mit Hinz und Kunz interessant. Ende 1959 waren es stolze 2 Mrd. DM. Auch damit konnte man das lukrativere Kreditgeschäft mit Unternehmen refinanzieren.

Trotzdem hatten die Großbanken zwischenzeitlich die Lust an den kleinen Kunden verloren. Grund: zu viel Aufwand, zu hohe Kosten, zu wenig Gewinn. Außerdem bescherte das Investmentbanking zeitweise saftige Gewinne. Die Deutsche Bank sortierte das Privatkundengeschäft 1999 aus dem Konzern in die Deutsche Bank 24 aus, bevor sie es reumütig 2002 wieder zurückholte. Heute lobt Vorstandschef Josef Ackermann die Sparte als stabil und zukunftsträchtig.

Der kleine Kunde und das Kleinkreditgeschäft sind bei den Großbanken längst nicht mehr wegzudenken. Im Gegenteil: Es wird weiter ausgebaut. 2007 hat die Deutsche Bank 2007 die Norisbank gekauft. Ein Jahr zuvor hatte sie sich schon die Berliner Bank gesichert. Kredite in Höhe von mehr als einer Billion Euro haben Deutschbanker derzeit an Privatkunden ausgeliehen. Heute zählt sie allein in Deutschland zehn Millionen Privatkunden, dazu kommen noch einmal Millionen von Kunden in Italien, Spanien, Belgien, Polen, China, Indien und Vietnam.

Das Anlage- und Kreditvolumen allein in Deutschland liegt bei mehr als 324 Mrd. EUR. 2007 ergab sich daraus ein Gewinn von 1,15 Mrd. EUR. Zusammen mit der Postbank kommt die Deutsche Bank sogar auf 24 Mio. Kunden - allerdings mit weitem Abstand hinter den Sparkassen und Volksbanken.
© Südwest Presse 09.06.2009 07:45
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