Wertlose Wertpapiere

Zehntausende haben mit Lehman-Zertifikaten viel Geld verloren
  • Lehman-Anleger protestieren (hier in Mainz am vergangenen Dienstag) gegen den Verlust ihrer Geldanlage. Foto: ddp
'Meine Bank ist pleite - ich auch': Mit Protestplakaten machten diese Woche Sparer ihrem Ärger Luft. Zehntausende haben mit der Lehman-Pleite viel Geld verloren. Wie stehen ihre juristischen Chancen?Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers war die weitaus größte Insolvenz eines Geldinstituts in der Geschichte. Sie verschärfte nicht nur die Finanzkrise zur Weltwirtschaftskrise. Sie traf auch Hunderttausende von privaten Anlegern, davon geschätzte 40 000 in Deutschland. Eine davon, Marianne U. (Name geändert), saß unlängst im Saal 214 des Ulmer Landgerichts. Ihre Anwältin, Renate Bansemir, wollte für sie Geld von der Bank einklagen. 20 000 EUR hatte Frau U. in ein Zertifikat von Lehman angelegt. Nach der Pleite der amerikanischen Großbank war das Wertpapier völlig wertlos. Wie konnte das sein, darf das sein?

Ulm ist oder könnte bald überall dort sein, wo Lehman-Opfer sitzen. Die ersten Verhandlungen sind im Gange, ein Urteil auch schon ergangen, die Lage ist aber ziemlich verworren. Erst vor wenigen Tagen überraschte die Hamburger Sparkasse (Haspa) damit, dass sie freiwillig 1000 ihrer Kunden, die bei ihr Lehman-Zertifikate gekauft hatten, entschädigen und dafür 9,5 Mio. EUR aufbringen will. Das sind zwar nur knapp 18 Prozent dessen, was 3700 Kunden bei der Bank in Lehman-Papiere investiert hatten. Aber mehr als nichts. Denn streng juristisch haben die Sparer keinerlei Ansprüche.

Mit der Pleite des Herausgebers eines solchen Zertifikats ist für den Käufer das Geld weg, es gibt keinen gesetzlichen oder privaten Einlagesicherungsfonds, der ihn entschädigen würde. Zertifikate zu kaufen bedeutet, das Risiko eines Totalverlustes einzugehen. Das ist unstrittig. Strittig bleibt, inwieweit die Banken, die solche Papiere an ihre Kunden verkauften, ihrer Informationspflicht nachkamen. Hier öffnet sich ein weites Feld, das Rechtsanwältin Bansemir so beschreibt: 'Jeder Fall steht für sich.'

Ihr Fall, Marianne U., erschien im Rollstuhl vor Gericht. Sie ist erwerbsunfähig, wollte Geld bei ihrer Ulmer Bank anlegen und ließ sich persönlich beraten. 2005 war das, die Finanzkrise noch fern, Lehman eine der besten Adressen auf der Welt. Darauf verweisen die Anwälte der Bank: 'Die Kunden sind mündig und können ihre Risiken selber einschätzen.'

Anwältin Bansemir aber beißt sich an dem juristischen Haken fest, der ihr bleibt: Reicht das Kleingedruckte im Anlageprospekt, in welchem das Zertifikat als Lehman-Produkt ausgewiesen wird, obwohl die Ulmer Bank es unter ihrem eigenen Namen als 'Zinshit' vermarktete? Hätte der Bankberater einer erwerbsunfähigen Frau mittleren Alters eine Geldanlage anbieten dürfen, die - wenn auch nur theoretisch - das Risiko des Totalverlustes in sich barg? Renate Bansemir verneint dies und verweist darauf, dass ihre Mandantin niemals Geld bei einer New Yorker Bank angelegt hätte. Der Bankanwalt aber hält an dieser Stelle den Depot-Auszug der Klägerin hoch. Darin sind Aktien von Unternehmen aufgeführt, die weit risikoreicher waren als dies Lehman Brothers jemals war - bis zum Tag der Pleite im September 2008.

Auch der Richter neigt dem Argument des Bankanwalts zu, dass Zertifikate 'ja nichts Schlechtes sind' und gibt zu bedenken, dass die Klägerin 'viel riskantere Dinge im Depot hat'. Das zeigt wohl die ganze Problematik. Wer wollte vor der Lehman-Pleite schon genau wissen, was ein Zertifikat ist?

Jetzt ist die Frage, ob die Banken ihren Informationspflichten nachgekommen sind, der entscheidende Punkt. Das gilt laut Anwältin nicht für die Anleger, die ein ganz bestimmtes Wertpapier kaufen wollten; es gilt aber für all jene, die bei ihrer Bank anfragten, welche Wertpapiere sie kaufen sollten. Schadensersatz kann nur erreicht werden, wenn die Bank ihre Pflichten vernachlässigte. Allerdings: Solche Fehlberatungen nachzuweisen ist auch nach Ansicht von Thomas Bieler von der Verbraucherschutzzentrale Nordrhein-Westfalen sehr schwierig. Da gehe es dann um den Zeitpunkt des Kaufs oder um die Erfahrung, die ein Anleger mit Wertpapieren schon hat oder eben nicht.

In der Ulmer Güteverhandlung schlug der Richter vor, dass die Bank der Anlegerin 40 Prozent aus dem Lehman-Totalverlust erstatten möge. Die Anwälte der Bank lehnten das ab, auch und vor allem deshalb, weil sie damit keinen Präzedenzfall für die vielen anderen Lehman-Geschädigten schaffen wollten. 20 Prozent boten sie offenbar an. Jetzt wird weiter geschachert.

Rechtsanwältin Bansemir, in Fragen des Banken- und Kapitalmarktrechtes erfahren, sieht sich selbst als eine der wenigen, die einen Lehman-Fall vor Gericht durchficht. Leichtfertig wolle niemand ihrer Kollegen eine Niederlage riskieren, weil jedes Urteil Signalcharakter habe. 'Man wartet jetzt ab, um möglichst viele Erfahrungen zu bekommen.' Sie ist auch im Falle Marianne U. guter Dinge.

Ihren 1000-fachen freiwilligen Vergleich begründet die Hamburger Sparkasse in 750 Fällen mit Kulanz: Die betreffenden Kunden seien in einer schwierigen Lebenssituation, gesundheitlich oder finanziell. Bei den anderen 250 Kunden hätten womöglich Beratungsfehler vorgelegen, sagte eine Haspa-Sprecherin.
© Südwest Presse 14.03.2009 07:45
819 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?