Gasthaus für den Ruhestand

Der Unternehmer Gerhard Sturm investiert in ein Lokal für alle Schichten
  • Die Jagstmühle im hohenlohischen Heimhausen geht auf das 11. Jahrhundert zurück. Jetzt baute sie der Unternehmer Gerhard Sturm gründlich um und erweiterte das Gasthaus um einen Festsaal. Foto: Agenda
Der Volksmund muss umdenken: Wer was geworden ist, wird Wirt. Erfolgreiche Unternehmer drängt es in die Gastronomie. Nicht immer geht es um Profit, wie Gerhard Sturm mit seiner Jagstmühle beweist.Gerhard Sturm könnte sich mit seinen bald 73 Jahren ganz entspannt zurücklehnen und stolz sein Lebenswerk überblicken. Er hat in Mulfingen (Hohenlohekreis) mit der EBM-Papst GmbH & Co. KG ein Unternehmen aufgebaut, das sich zum weltweit bedeutendsten Hersteller von Lüftern und Ventilatoren in 14 500 Variationen entwickelte: Über 10 000 Mitarbeiter, davon 5000 in Deutschland, 17 Produktionsstätten, 55 Tochtergesellschaften, Umsatz über 1 Mrd. EUR. Letztes Jahr hat er sich als Chef zurückgezogen. Anfangs, vor über 40 Jahren, wurde der Neuling in der Provinz wenig beachtet. 'Bis es der Wettbewerb richtig gemerkt hat, waren wir einfach nicht mehr zu verdrängen', erinnert sich Sturm.

Einen solch fulminanten Aufstieg erwartet der umtriebige Unternehmer von seinem neuen Projekt nicht. Gerhard Sturm hat sich ein Wirtshaus zugelegt, die traditionsreiche, zuletzt vernachlässigte Jagstmühle in Heimhausen, einem Teilort seiner Heimatgemeinde Mulfingen. Er gründete eigens dafür die Jagsttal Beteiligungs GmbH & Co. KG, investierte rund 5 Mio. EUR. Die Mühle soll sich zwar selber tragen, 'aber sie wird nie Gewinn bringen'. Den Ausschlag für den Kauf gab die Heimatverbundenheit eines Mannes, der sich im Gemeinderat und Kreistag ebenso engagiert wie im Sport- und Gesangverein.

'Die Jagstmühle soll ein Lokal für alle sein', sagt Sturm, der keinen Gedanken verschwendet an eine Edelschenke für Spesenritter. Er freut sich, 'wenn der Professor neben dem Fahrer sitzt', denn er möchte, 'dass alle ihren Platz finden, ohne Ansehen der Person'. Also wird in der Jagstmühle Wurstsalat für 5 EUR serviert und eine Radler-Halbe für 2,90 EUR dazu, aber auch einen Zwiebelrostbraten vom Hohenloher Weiderind mit Bohnen und Bratkartoffeln für 18,50 EUR. Das preisgünstigste Viertele gibt es für 3,40 EUR.

Nach höchsten Auszeichnungen mag er seinen Küchenchef Markus Reinauer (35) aus Albstadt-Lautlingen nicht streben lassen. 'Die Anzahl der Michelin-Sterne interessiert mich nicht, sondern die Zahl der Gäste, die hier übernachten', gibt Sturm die Richtung vor.

Damit unterscheidet er sich sehr von seinem Schulkameraden Reinhold Würth (73). Der 'Schraubenkönig' hat seinem weltumspannenden Montage-Imperium mit der Panorama Hotel- und Service GmbH nicht nur vier gastliche Adressen hinzugefügt, auf seiner Gehaltsliste stehen auch zwei Köche mit jeweils einem Michelin-Stern - Lothar Eiermann in Friedrichsruhe bei Öhringen und Olaf Pruckner in Ailringen, einem weiteren Mulfinger Teilort. In Kürze wird im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe ein wohl über 15 Mio. EUR teurer Wellnesskomplex der Extraklasse eingeweiht.

Sterne leuchteten auch über dem Anfang unternehmerischer Neuorientierung in der Kunst der feinen Verpflegung. Mit den 'Schweizer Stuben' in Wertheim, die Adalbert Schmitt 1971 eröffnete, schrieb der hessische Kunststofffabrikant das erste Kapitel in der deutschen Gourmet-Geschichte. Die 'Stuben' mit dem Blick auf den Main waren die erste deutsche Anlaufstation für anspruchsvollste Feinschmecker; Eckart Witzigmann kam mit seinem legendären 'Tantris' in München sieben Monate später. Schmitt stieß zunächst auf Verwunderung, weil er ohne Not die Chefetage seiner Fabrik verließ, 'um sich mit Haut und Haaren der Großen Küche' zuzuwenden und verblichene Gastlichkeit neu zu beleben', notierte ein erstaunter Gastrokritiker. Doch eine Vielzahl bester und besternter Köche werden Schmitt die Innovation danken. Auch der heute allgegenwärtige Johann Lafer gehört dazu, er war Chef-Patissier in den 'Stuben'. Schade nur, dass es diesen Trüffeltempel nicht mehr gibt. Adalbert Schmitt musste 2002 Insolvenz anmelden, drei Jahre später starb er.

Gerhard Sturm will noch ein paar Jahre in der Jagstmühle nach dem Rechten sehen. 'Die Gastronomie macht mir immer Spaß', sagt er. Als Rentner mag er nicht in der Welt herumreisen, 'das habe ich doch 50 Jahre lang gemacht'. Ganz neu ist er im Gastro-Gewerbe sowieso nicht. Schon vor über zehn Jahren hat er für EBM-Papst die ehrwürdige 'Krone' in Niederstetten gekauft, aber wieder an die Wirtsleute verpachtet. Die Zukunft des angeschlagenen Gasthofs sollte gesichert werden - auch dies ist ein Beispiel für die Heimatverbundenheit.

Mit der Jagstmühle habe er das Richtige gefunden. Die ersten Erfahrungen seien durchweg gut: 'Ich habe meine Entscheidung nicht bereut.'
© Südwest Presse 31.10.2008 07:45
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